Entenkken

 

 

                                                                                                                                St. Otto, Juli 2020

 „Mit dem Wind“...

… durch ein Nadelöhr? Sie kennen alle das entsprechende Gleichnis aus einem der drei synoptischen Evangelien. Das Gleichnis mit dem Kamel, das sich eher durch ein Nadelöhr zwängt, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.

Das Gleichnis hat mich schon als Kind fasziniert. Ich habe mir vorgestellt, wie sich das Kamel ganz dünn macht, um dieses schwierige Kunststück zu schaffen, während der dicke Reiche – in meiner Vorstellung musste der einfach dick sein – schon beim Versuch scheitert, seine Nase hindurchzuzwängen. Natürlich entwickelte ich Ideen, wie dem Reichen zu helfen sei. Vielleicht, so meine Vermutung, gibt es im göttlichen Kosmos ein „Verschlankungssystem“ mit dessen Hilfe der dicke Reiche erst mal wie ein Sportler kräftig „abkochen“ muss, um sein Gewicht zu reduzieren. Vorzugsweise im großen Suppentopf des Teufels. Oder der Satan martert ihn auf der Streckbank. Aus dick und kurz wird lang und nicht mehr ganz so dick. Der kindlichen Phantasie waren da keine Grenzen gesetzt.

Heute sehe ich das Gleichnis aus der Erwachsenenperspektive erheblich abgeklärter. Ich weiß einfach, dass das Kamel sehr klein und dünn sein muss und das Nadelöhr sicher nicht an einer normalen Nähnadel angebracht sein kann, und auch, dass Reiche nicht zwangsläufig dick sein müssen habe ich inzwischen begriffen. Aber faszinierend ist der Vergleich immer noch. Zumal es dabei gar nicht um arm oder reich, um wohlhabend oder mittellos geht. Wenige Begriffe sind nämlich so unpräzise und nebulös, wie Reichtum und Armut. Wer bezeichnet sich schon selbst als reich – oder auch als arm? Etwas mehr könnte es doch immer sein! Das sagt die alleinerziehende Verkäuferin genauso, wie der Millionär, der für den Kauf einer schönen Segelyacht einen Kredit aufnehmen muss. Wer in Deutschland nur knapp über der Armutsgrenze lebt, wäre mit den gleichen Finanzmitteln in Pakistan ein wohlhabender Bürger.

Materieller Reichtum ist also absolut relativ, hängt von der Perspektive und vom Lebensumfeld, der jeweiligen Gesellschaftsschicht oder auch dem Geburtsort ab. Ganz wichtig für die Bewertung, ob jemand als reich oder arm gilt ist demnach der Vergleich. Und den bemühen wir gern. Allerdings legen wir in der Regel keine wissenschaftlichen Maßstäbe, sondern unser ganz persönliches Empfinden als Messlatte zugrunde.

Warum aber verwendet Jesus so einen schwammigen Vergleich? Will er sich bei der Mehrheit der Armen anbiedern? Hat er doch gar nicht nötig! Und wem wäre geholfen, wenn die Reichen zum Beispiel all ihr Geld verbrennen würden? Dann gäbe es doch nur einen Haufen Arme mehr!

Reich und Arm hat es immer gegeben, auch wenn Marx, Lenin und einige andere der Ansicht waren, das könne man ändern. Die Existenz von wirtschaftlichen Unterschieden wird niemand wegrevolutionieren können. Wohl aber liegt es in unserer Hand, wie wir mit unserem persönlichen Reichtum umgehen. Und da ist es völlig unerheblich, ob es sich um viele Millionen oder um einige Euro am Monatsende handelt. Wie sind wir bereit, Not zu erkennen und dann auch zu helfen – genau mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen? Wie sehr hängen wir an unserem Hab und Gut, das wir doch oft in dieser Masse als Sicherheitsreserve gar nicht brauchen?

Das soll jetzt kein Appell werden, den Sockenvorrat im Schrank auf ein Paar zu reduzieren, wohl aber kann man darüber nachdenken, ob es wirklich sinnvoll ist, das 57ste Paar zu kaufen, oder das Geld sinnvoller einzusetzen. Nichts anderes will uns Jesus mit seinem Gleichnis meiner Ansicht nach sagen: Denkt darüber nach, ob ihr die angehäuften Güter wirklich braucht! Geht wachen Auges und großzügig durchs Leben! Teilt wo Not herrscht und schenkt, wo ihr Bedürftigkeit erkennt! Wer so handelt, der muss nicht fürchten, das Nadelöhr zu verstopfen oder im Suppentopf Luzifers zu landen.

Und jetzt möchte ich den Kontext und die Gelegenheit nutzen, den Menschen zu danken, die St. Otto in den letzten, für uns wirtschaftlich sehr schwierigen Monaten unterstützt haben. Viele Gäste haben die Anzahlung für ihren gebuchten und letztendlich abgesagten Aufenthalt bei uns gespendet. Andere haben den Betrag nur in Form eines Gutscheins zurückgefordert. Vereinzelt kamen auch kleine Geldspenden bei uns an. Und immer wieder gab es diese aufmunternden Worte, Telefonate oder Mails. Das alles sind Zeichen, dass wir nicht nur irgendein beliebiger Übernachtungsbetrieb sind und das hat uns wirklich gefreut, hat gutgetan und uns gestärkt!

Liebe Gäste und Freunde von St. Otto: Wir sind reich, weil wir Sie, weil wir euch haben!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

Hafen Rostock

                                                                                                                                St. Otto, Juni 2020

 „Mit dem Wind“...

 … oder über die Grenze nach Vorpommern! Seit dem 25. Mai ist das endlich auch für Touristen wieder möglich. Und wenn man denkt, nun wäre alles wieder gut, dann ist das ein Irrtum. Abgesehen davon, dass niemand sagen kann, wie sich die Lage in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt, ist die Öffnung auch für die Hotels und Übernachtungsbetriebe eine zweischneidige Sache. Bei maximal 60% genehmigter Auslastung und einem – aufgrund der zahlreichen Auflagen – erheblich höheren Personaleinsatz bleibt unterm Strich eher ein dickes Minus als ein zarter Gewinn stehen. Öffnen oder nicht? Und wenn ja, wie? Das sind Fragen, die viele Betrieb in Vorpommern aktuell umtreiben.

Es gibt aber hier im Land noch eine ganz andere Diskussion, die durchaus typisch ist für unsere Zeit und unsere Vorstellung von dem was „Leben“ in Deutschland ausmacht. Auf der einen Seite werden die Urlauber dringend benötigt, denn Mecklenburg-Vorpommern lebt als innerdeutsches Urlaubsland Nr. 1 in vielen Regionen fast ausschließlich vom Tourismus. Ohne viele, viele Touristen, die sich möglichst umgehend auf den Weg an die Ostsee oder die Mecklenburgische Seenplatte machen, bahnt sich in unserem Bundesland spätestens im Herbst und Winter ein wirtschaftliches Desaster an. Andererseits fürchtet man sich aber vor der Invasion eventueller Virenträger. Schließlich ist die Fallzahl hier bei uns mit täglich deutlich unter 10 Neuansteckungen in den letzten Wochen verschwindend gering. Das sieht in anderen Regionen Deutschlands doch noch immer ganz anders aus. Ein Dilemma, für das es keine Lösung gibt und das genau aus diesem Grund in den Medien, in Leserbriefen und im täglichen Gespräch auf der Straße heiß diskutiert wird.

Eine Lösung habe ich auch nicht, aber vielleicht ist unsere Herangehensweise an die Problematik die falsche. So haben wir in den letzten Jahrzehnten in Deutschland das Eliminieren von Risiken für Leib und Leben perfektioniert. Sicherheitsverordnungen retten Leben, Brandschutzverordnungen schützen vor Katastrophen, Amoknotfallpläne liegen in der Schublade. Es gibt strenge Hygienevorschriften, den TÜV, die Straßenverkehrsordnung, Warn- und Assistenzsysteme sowie weitere unzählige Regelungen, Gesetze und Vorschriften, die dafür Sorge tragen sollen, dass möglichst wenige Menschen Schaden nehmen, an Körper, Geist und Seele. Und auch, wenn uns die ein oder andere Regelung ziemlich nervt – wir fahren gut damit! Das Leben in Deutschland ist unglaublich sicher, die durchschnittliche Lebenserwartung steigt seit Jahren exponentiell. Und jetzt das: Da kommt so ein kleines Virus daher und unsere schöne, beherrschbare, risikoarme Lebenswirklichkeit gerät massiv ins Wanken! Unsicherheit mach sich breit. Angst sowieso. Der Lebensmut und die Lebensfreude vieler Menschen sind wie ausgelöscht. Und das mitten im Frühling!

Haben wir etwas vergessen? Ich denke ja! Wir haben verlernt, dass das Leben risikobehaftet ist, dass es trotz all unserer Kontroll- und Sicherungssysteme enden kann – nein enden wird. Wir haben verdrängt, dass Krankheit, Not und letztendlich auch der Tod zum Leben gehören. Für unsere Vorfahren in der Steinzeit war das gelebter Alltag. Die konnten sich in ihrer sicheren Höhle verschanzen und darauf warten, dass ein Mammut, und damit Fleisch für Wochen, direkt vor dem Eingang kollabiert. Das kam allerdings sehr selten vor. Die Wahrscheinlichkeit, beim Warten zu verhungern war definitiv höher. Und deshalb zogen sie los, gingen auf die Jagd und wurden oft selbst Opfer. Gestochen von giftigen Insekten, gebissen von wilden Tieren, abgestürzt, zertrampelt, verletzt. Aber sie hatten keine Wahl. Das Bewusstsein um die Endlichkeit des Lebens gehörte für sie zum Alltag, war für sie selbstverständlich – und ist für uns heute oft so unendlich weit weg.

In vielen Regionen dieser Erde sieht das übrigens auch im Jahr 2020 noch ganz anders aus. Quarantäne oder „Wir bleiben zu Hause!“ ist dort gleichbedeutend mit dem Hungertod. Dann doch lieber das Risiko einer viralen Infektion trotz eines desolaten Gesundheitssystems eingehen. Wahlfreiheit sieht anders aus, Sicherheit auch!

Was ich sagen will ist ganz einfach: Vielleicht müssen wir wieder lernen, dass das Leben als solches ein Geschenk ist. Dass wir dankbar sein dürfen in Europa und insbesondere in Deutschland so sicher und gut behütet zu leben, aber dass wir darauf kein Recht, keinen Anspruch haben. Zwar steht das „Recht auf Leben“ in unserem Grundgesetz. Die Natur allerdings orientiert sich daran nicht.

In Angst leben ist keine Option, die absolute Sicherheit völlig unrealistisch. Machen wir also das Beste daraus – und das ist immer noch ziemlich viel! Geben wir der Angst keine Chance und freuen wir uns über die vielen schönen Dinge des Lebens: die Sonne, den Frühling, das Meer, die liebenswerten maskierten Mitmenschen, die helfenden Hände und natürlich auch über viele nette Gäste aus allen Teilen Deutschlands!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

Entenkken

                                         St. Otto, Mai 2020

 „Mit dem Wind“...

… auf den Abstand achten! Wer mit dem Rad zu dicht auf den Vordermann auffährt, um sich im Windschatten auszuruhen, der läuft leicht Gefahr, wenn der Voranfahrende plötzlich bremst, einen ordentlichen Auffahrunfall zu verursachen. Abstand halten, zu dicht, nicht im Pulk, Tuch vor Mund und Nase – aktuell fallen uns bei diesen Begriffen keine Verhaltensregeln bei Radtouren, sondern natürlich die Abstandsregeln unserer Pandemie ein. Fast jeder hat Vorschläge, wie, warum oder durch was man sich und andere am besten vor einer Infektion schützen kann. Dass Schutz wichtig ist, steht außer Frage. Trotzdem habe ich mich neulich über einen Radiobeitrag zu dieser Thematik ziemlich geärgert.

Abstand halten sei, so eine Professorin für Soziologie, ein natürliches, menschliches Bedürfnis und die Sehnsucht nach einer immer größeren zwischenmenschlichen Distanz ein Beleg für den Grad der Entwicklung einer Gesellschaft. Kurz gesagt: Nur Primaten haben ein Bedürfnisse nach Nähe und Körperkontakt! Im weiteren Verlauf des Interviews legte sie dann dar, dass die Corona-Pandemie auch eine Chance für die vielen Menschen sei, die eben jenes höhere Level schon erreicht hätten, ihr ganz persönliches Bedürfnis nach mehr Abstand gesamtgesellschaftlich durchzusetzen.

Völlig korrekt: Händeschütteln ist nicht jedermanns Sache und Begrüßungsküsschen sind es auch nicht. Ganz klar ist auch, dass es bei Gesprächen einen gewissen Abstand geben muss, man dem Gegenüber nicht „ins Gesicht springt“ und Schenkelgrabscher im ÖPNV oder anzügliches Schultertätscheln sind ohnehin absolute No-Goes! Aber das Sozialleben dauerhaft auf Internet und Telekommunikation beschränken? Zuneigung per Whats-App oder ein virtuelles „Daumen hoch“ statt einer tröstenden Umarmung? Ich weiß nicht.

Mich nerven schon die 2 Meter Abstand von allen anderen im Supermarkt, der Mundschutz, der die Menschen konturlos macht und die Mimik gegen Null tendieren lässt oder auch das ängstliche „Sich-Umgucken“: Hustet da jemand? Hat da nicht gerade wer genießt? Nur noch ein Passagier pro Sitzgruppe im Zug oder am besten nur einer pro Waggon! Nicht, dass ich falsch verstanden werde: In der aktuellen Situation sind das richtige und wirklich wichtige Schutzmaßnahmen. Aber ist das alles auch ein Fortschritt der Evolution?

Klar ist es viel einfacher, wenn ich nur mein ganz persönliches Bedürfnis nach Sozialkontakten und Nähe ausleben kann, ohne auf das der anderen reagieren zu müssen. Ich gehe nur ans Telefon, wenn es mir passt - ansonsten erledigt das der AB. Ich fahre allein im Auto statt mit dem Bus oder der Bahn - da habe ich meine Ruhe und meine persönliche Komfortzone. Tindern oder Whats-App – ich kann treffen wen ich will und wann ich will, kommunizieren genau dann, wenn es mir passt. Sozialkontakte auf meine Bedürfnisse zugeschnitten und keine unkontrollierten Überfälle. Nur dumm für all diejenigen, bei denen zu Hause die alten Eltern gepflegt werden müssen, oder die eigenen Kinder nach Nähe und Zuneigung verlangen und definitiv nie Rücksicht auf irgendwelche Komfortzonen nehmen. Aber selber Schuld, wer sich solche sozialen Lasten aus der Steinzeit aufbürdet.

Genau das ist übrigens der Grund, warum ich mich so über diesen Radiobeitrag geärgert habe. Es ging schlussendlich nicht etwa um das individuelle Nähe- und Distanzbedürfnis, das tatsächlich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Grunde wurde in diesem Beitrag ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben postuliert. „Nimm dir, was du brauchst und gib nur das, was du zu geben bereit bist!“ So aber funktioniert weder unsere moderne Gesellschaft noch ein christliches Miteinander. Und glücklich werden die Menschen so auch nicht – weder heute, noch morgen, noch in ferner Zukunft.

Menschen brauchen menschliche Nähe. Davon bin ich überzeugt. Und die aktuelle Situation lässt uns das Fehlen dieser Nähe täglich ganz schmerzlich vermissen. Dabei haben wir nicht jeden gern um uns und bei einigen wünschen wir uns aus den unterschiedlichsten Gründen die Beibehaltung eines möglichst großen Mindestabstands. Aber um uns den ab und zu auch zu verschaffen, dazu brauchen wir kein Virus. Dazu reicht es in der Regel, eine klare Ansage zu machen.

Übrigens – ich stehe dazu: Ich bin ein Neandertaler! Jetzt ist es raus! Ich mag Menschen um mich herum. Ich freue mich darauf, wieder mit Freunden in gemütlicher Runde zu Hause oder in meiner Höhle zu sitzen und auch mit so manchem fremden Sitznachbarn im Zug ganz unverhofft in ein interessantes Gespräch verwickelt zu werden. Ich kann es gar nicht abwarten, mit der Verkäuferin im Supermarkt wieder ohne trennendes Panzerglas herumzuflachsen, den Fahrkartenkontrolleur (wenn es ihn wieder gibt) mit naseweisen Fragen zu traktieren oder völlig verschwitzt und eng gedrängt beim Konzert den Musikern auf der Bühne zu applaudieren. Und ich freue mich ganz besonders darauf, wenn in St. Otto wieder viele Gäste, Urlauber, Schülerinnen und Schüler auf Klassenfahrt, Seminarteilnehmer, Senioren, Gottesdienstbesucher, Chorsänger, Pfadfinder und all die anderen Menschen um mich herum sind!

Das gilt übrigens für uns alle hier in St. Otto: Wir warten auf Sie!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 Otto Strand

                                                                       St. Otto, April 2020

Mit dem Wind…

… kommt der Frühling. Und Ostern fällt aus! Ostern fällt aus? So ein Quatsch! Ostern kann überhaupt nicht ausfallen und daran ändert auch so ein Virus nichts, ganz egal wie er ansonsten unser tägliches Leben, unsere gewohnten Abläufe beeinflusst.

Zugegeben – ich bin ein ziemlich rationaler Typ. Insofern praktiziere ich viele Riten und Bräuche unserer christlichen Gemeinschaft, ohne deren Sinn oder Wert zu hinterfragen. Das ist auch besser so, denn es geht hier um die Gemeinschaft und wenn Rituale überhaupt einen Zweck haben, dann den, Sicherheit zu geben, den Zusammenhalt zu festigen, die Kraft der Gemeinschaft zu erleben.

Natürlich habe ich schon oft darüber nachgedacht, warum wir beim Beten, beim Dialog mit Gott, in der Gemeinschaft die Hände falten und ob nicht der innere Kniefall, die vollkommenere Verneigung vor der Göttlichkeit Jesu Christi ist, als die ritualisierte Kniebeuge im Gottesdienst. Warum sollte eine Bekreuzigung mit geweihtem Wasser mehr bewirken, als ein einfaches Kreuzzeichen, warum der Blasiussegen oder ein Reisesegen mehr als die „segensreiche Standartausgabe“? Wäre Jesus das alles wichtig gewesen? Ich denke nicht. Aber vielen Christen sind solche Zeichen und liebgewonnen Rituale wichtig und allein deshalb machen diese in meinen Augen Sinn.

Im Übrigen gibt es da auch die Phasen in meinem Leben, in denen mir das persönliche Gebet, das ich jedem vorformulierten Text vorziehe, schwerfällt. Warum auch immer. Da nehme ich Anlauf und der Dialog mag nicht recht in Gang kommen. Im Gegenteil: Je länger ich nachdenke und um passende Worte ringe, desto schwerer fallen mir diese. In solchen Situationen greife ich dann - Pragmatiker, der ich bin – auf ein „Vater Unser“ oder einen Rosenkranz zurück. Und oft funktioniert dieser Einstieg wie ein Türöffner, um mit eigenen Worten weiterbeten zu können.

„Was haben diese Gedanken mit Ostern zu tun?“, werden Sie fragen. Ganz einfach: Ostern ist nicht nur das größte Fest der Christenheit, sondern tatsächlich auch das Hochfest aller christlichen Riten. Kreuzverhüllung, Palmweihe, Fußwaschung, Osterfeuer – die Aufzählung ließe sich noch eine Weile fortsetzen. Und das alles fällt in diesem Jahr ersatzlos aus! Ein Gedanke, der selbst mir unvorstellbar erscheint. Und doch wird es so kommen.

Aber ändert das Wegfallen dieser Zeichen, Symbole und traditionellen Bräuche etwas an der Osterbotschaft? Nein! Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden! Auch ohne Karfreitagsliturgie, Osterfeuer und Kerzenweihe. Vergessen Sie das nicht, wenn Ihnen die liebgewonnenen Bräuche, die Kontakte zur Gemeinde fehlen und wenn Ihnen so gar nicht nach Ostern, sondern eher zum Weinen ist!

Zünden sie am Ostersonntag die Osterkerze auf Ihrem Frühstückstisch an, beten Sie und feiern Sie ihr ganz persönliches Osterfest zusammen mit Milliarden von Christen auf der ganzen Welt. Jesus lebt! Er hat den Tod besiegt und auch für uns wird es eine Zeit nach dem Virus geben, ein neues Ostern ein „Wir“, nicht nur im virtuellen Raum oder in der Erinnerung, sondern gemeinsam am und vor und um den Altar.

Bleiben Sie gesund, seien Sie nicht mutlos, sondern nehmen Sie die Zuversicht der Osterbotschaft mit hinein in die kommenden Wochen und Monate! Und seien Sie gewiss: Oster fällt NICHT aus!

In vorösterlicher Freude
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 Bergab2

                                                               St. Otto, März 2020

 „Mit dem Wind“...

... bergauf und bergab. Im Februar hatten wir einige Mühe, unseren Lebensberg zu erklimmen. Aber das Schöne an so einem Berg ist doch, dass jeder immer zwei Seiten hat. Wo es auf der einen Seite mühsam bergauf geht, da – huiiii – rast man auf der Rückseite mit Schwung wieder hinab. Mit ordentlich Gepäck geht das übrigens noch schneller. Hier ist tatsächlich etwas Übergewicht von Vorteil, denn dem „dünnen Lauch“ auf seinen schmalen Reifen fehlt die notwendige Rollmasse, um richtig auf Geschwindigkeit zu kommen. Es soll übrigens Menschen geben, die den gleichen Berg mehrmals hintereinander erklimmen, nur um das tolle Gefühl der Abfahrt wieder und wieder zu erleben. In den Alpen stehen natürlich ausreichende Alternativen zur Verfügung, aber im Flachland, da ist es eben manchmal nur der eine Berg, der für die Abfahrt und den Geschwindigkeitsrausch herhalten muss.

Was auf dem Fahrrad einfach nur Spaß macht, das ist in unserem Sprachgebrauch und auch sonst im Leben ausschließlich negativ besetzt. Wenn es etwa „bergab“ oder „den Bach runter“ geht, dann ist das nie eine angenehme Erfahrung. Vor Schluchten und Abgründen, die sich plötzlich auftun, haben wir noch erheblich mehr Angst, als vor einem Berg, denn bremsen ist oft nicht mehr möglich. Und wo ist die Hölle verortet? Richtig, irgendwo gaaanz tief unten!

Im Gegensatz zum Weg bergauf, der mit viel Anstrengung, Willensstärke und gegebenenfalls auch Hilfe in seinem Verlauf von uns irgendwie doch beeinflusst werden kann, ist das mit dem „Bergab“ nicht so. Einzig eine funktionierende Bremsanlage kann helfen. Wenn die fehlt oder versagt, sind wir, wie so oft im Leben, auf die Notbremse, den Airbag, angewiesen. Die heißt übrigens Gott und funktioniert tadellos! Bedienen müssen wir sie allerdings schon. Nur abwarten und jammern reicht nicht.

Sie wissen nicht, wie diese besondere Notbremse aktiviert wird? Dann hilft Ihnen ihr örtlicher Pfarrer oder eine Person Ihres Vertrauens, die sich mit der Anwendung auskennt. Die gibt es tatsächlich auch in Zeiten von Großpfarreien noch und sie sind zahlreicher, als wir manchmal denken. Rechtzeitig kümmern wäre natürlich nicht schlecht und notfalls hilft auch ein „Gebet“ bei der Suche nach dem Bremspedal.

Aber wenn das alles so schwierig ist, mit dem Auf und Ab in unserem Leben, wäre es dann nicht am besten und deshalb wünschenswert, wenn das Leben möglichst „flach“ verläuft? Kein Berg, der sich auftürmt und keine Schlucht, die sich plötzlich vor uns öffnet. Jeder Tag wie der andere. Beim Aufstehen am Morgen schon wissen, wie der Tag abends endet. Sicherheit, Gleichförmigkeit, Unaufgeregtheit – pure Entspannung. Und bärig langweilig! Sicher: Sich öffnende Abgründe und unbezwingbare Anstiege würden wir vielleicht nicht vermissen, aber ein Leben so ganz ohne Auf und Ab? Wie ein Bahnradfahrer, der sein Hallenoval nicht verlassen darf. Ein Leben lang im Kreis fahren, nur um keine bösen Überraschungen zu erleben? Und damit auch keine guten! Dafür sind wir nicht gemacht. Und so ist das Leben auch nicht.

Wir sind, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, auf unserem Lebensweg unaufhörlich im hügeligen Gelände unterwegs. Dabei wissen wir manchmal gar nicht, ob es gerade bergauf oder schon wieder bergab geht. Sollten wir vielleicht auch nicht ständig darüber nachdenken, denn ändern können wir die physikalische Landkarte unseres Lebens, unsere ganz persönlichen Lebensberge und –täler, ohnehin nicht. Wohl aber unsere Einstellung dazu. „Think positiv“ klingt abgedroschen, „das Leben feiern“ noch mehr und den Spruch vom halbvollen Glas mag ich erst gar nicht zitieren. Aber probieren Sie es doch einfach mal mit dem positiven Denken, dem Optimismus, dem Ja zum Leben! Fühlt sich zunächst erst einmal ungewohnt an, aber mit der Zeit schrumpfen tatsächlich die Berge zu Hügeln, werden Schluchten zu Tälern und verlieren dabei nach und nach auch viel von ihrer ursprünglichen Bedrohlichkeit.

Kommen Sie gut und gesund in den Frühling – und vielleicht demnächst mal wieder nach Usedom, nach Zinnowitz, nach St. Otto!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 Fels 2

                                                           St. Otto, Februar 2020

„Mit dem Wind“...

... bergauf und bergab. Usedom ist nicht platt wie eine Flunder oder eine nordfriesische Hallig, auf der einzig die ein oder andere Warft wie ein Maulwurfshügel die ansonsten vollkommen ebene Inselsilhouette unterbricht. Usedom hat zahlreiche Berge! Berge? Na ja, größere Erhebungen, Hügel, Anstiege, Höhenzüge… . Je nach Herkunft der Urlauber oder Zugezogenen variieren die Bezeichnungen für das, was sich da auf der Insel über den Meeresspiegel erhebt. Für den einen sind die 69m ü.d.M. des Golm, der damit den Titel „Höchste Erhebung auf Usedom“ für sich beanspruchen darf, schon ein stattlicher Berg, während für den anderen ein solcher erst im vierstelligen Meterbereich diese Bezeichnung überhaupt verdient.

Das ist übrigens nicht nur mit Blick auf die natürlichen Erhebungen, also unsere Hügel und Berge, eine Frage der individuellen Perspektive. Auch die Berge, die sich uns auf unserem Lebensweg in den Weg stellen, sind für den einen unüberwindbare Hindernisse, während ein anderer scheinbar spielerisch leicht hinauf- und darüber hinwegklettert. Das hat mit vielen Dingen zu tun: Persönlichkeit, Einstellung, Perspektive, Lebenserfahrung, Mut oder auch Gottvertrauen sind nur einige davon. Und oft ist es sogar so, dass uns ein solcher Lebensberg an dem einen Tag viel höher erscheint, als noch gestern oder vielleicht morgen wieder. Das liegt auch daran, dass die Berge, die unseren Lebensweg immer mal wieder kreuzen, im Gegensatz zu ihrem physischen Pendant unglaublich beweglich sind. Während es in der Natur höchstens Wanderdünen gibt, lauern unsere persönlichen Lebensberge an scheinbar sicheren Orten, werfen sich uns gern auch aus dem Hinterhalt in den Weg. Schicksalsschläge, Katastrophen, Niederlagen, Krankheiten, - unsere Berge haben so viele verschiedene Namen, sind oft scheinbar unbezwingbarer als ein Gipfel im Himalaya.

Und doch ist das Wort „Berg“ in unserem Wortschatz keineswegs nur negativ besetzt. Wer freut sich nicht, wenn es nach langer, schwerer Krankheit oder einer beruflichen Durststrecke endlich wieder „bergauf“ geht? Und wie groß ist der Jubel erst, wenn jemand auf dem „Gipfel des Erfolgs“ angekommen ist. Man will „nach oben“ kommen, im Beruf, im Leben in der Gesellschaft. Und schließlich antworten Kinder (und auch sicher eine Menge Erwachsene) auf die Frage nach der Residenz Gottes: „Na der wohnt da ganz oben, im Himmel eben!“

Ein Widerspruch? Nur scheinbar. Aber ganz so einfach ist das mit unseren Lebensbergen nicht. Der Berg als solcher? Geschenkt! Nicht der Berg ist das, was uns den Weg versperrt, Angst macht, behindert und das Leben erschwert. Aus Erfahrung wissen wir, dass der Anstieg, der Weg zum Gipfel, und nicht der Berg das eigentliche Hindernis darstellt. Denn jeder Berg hat schließlich auch ein Plateau und eine Seite, auf der es wieder runter geht. Kein Berg ist unendlich!

Nach oben will wohl jeder, zumal wenn ihm im Tal „das Wasser bis zum Hals steht“ oder „der Boden unter den Füßen weggezogen wird“. Aber da ist eben dieser verdammt steile Anstieg! Geht dem Radfahrer übrigens genauso. Bergauf ist nicht schön und doch unerlässlich, will man die Aussicht auf dem Gipfel genießen, das Velo in der Abfahrt so richtig rollen lassen oder auch nur den Weg zum Tagesziel fortsetzen. Noch schlimmer ist es, wenn man ordentlich Gepäck an Bord hat, die Luft im Reifen fehlt oder sich das altersschwache Rad technisch in einem traurigen Zustand befindet. Da ist es gut, wenn man sich nicht allein auf den Weg gemacht hat oder am Fuß des Berges einen Leidensgenossen trifft. Vielleicht kann man das Gepäck anders aufteilen, der Kollege hat eine Luftpumpe dabei oder man tauscht sogar das Rad, sodass immer der, der eine Pause braucht, das Zweirad mit den Berggängen oder dem Elektroantrieb nutzen kann. Und wenn gar nichts mehr hilft? Dann schiebt es sich den Berg zu zweit gleich viel besser hinauf, als allein! Bergfest gemeinsam ist auch viel schöner als einsam.

Ich wünsche Ihnen auf ihrer Tour über die Lebensberge, dass Ihnen der Blick aufs Ziel nicht abhandenkommt und in schwierigen Momenten jemand da ist, der Ihnen mit der Luftpumpe aushilft, den Energydrink reicht oder auch einfach mit ihnen gemeinsam schiebt.

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

Übrigens: Wer „bergab“ vermisst hat, darf auf den März gespannt sein. Bis dahin erst einmal ausruhen und den Blick vom Gipfel genießen!

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                St. Otto, Januar 2020

 „Mit dem Wind“...

… oder doch eher vom Gegenwind wird man auch gern mal an der Nase herumgeführt. Aber nicht im übertragenen Sinne, wie wir die Redewendung heute meist verwenden. Der Begriff ist uralt und kommt schon im Alten Testament vor. Damals wurden voluminöse Nasenringe, anders als unsere modernen, modischen Nasenpiercings, als Disziplinierungsmittel verwendet. Auch im Mittelalter wurden solche Ringe eingesetzt, um – wenig artgerecht – Tanzbären auf Jahrmärkten zum Vorführen von Kunststücken zu bewegen. Und dem Stier oder der Kuh mit dem Ring durch die Nase kann man auch heute noch in Spanien oder auf der Alm begegnen.

In den geschilderten Fällen sollen Menschen oder Tiere gegen ihren Willen zu Aktionen bewegt werden. Ein Akt der Gewalt, des Bestimmens über andere, eine Form von Sklaverei, wenn man so will. Und trotzdem kam mir genau diese Redewendung „An der Nase herumführen“ in den Sinn, als ich kurz vor Weihnachten in Görlitz auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs war. Plötzlich – und nicht ungewöhnlich für Weihnachtsmärkte – stieg mir der Duft von frisch gebrannten Mandeln in die Nase. Völlig wehrlos und gegen meinen Willen wurde ich von meiner Nase zu dem kleinen Marktstand geführt, wo sich die Mandeln, nicht wie sonst vielfach üblich, erkaltet in der Auslage befanden, sondern frisch und warm direkt in die Tüte kamen. Mmmh! Was für ein Genuss für Nase und Gaumen!

Und noch ein Beispiel: Direkt am Radweg zwischen Mölschow und Trassenheide liegt ein Schafstall. Wenn die Temperaturen sich ab Dezember häufiger dem Gefrierpunkt nähern, dann verbringen die Schafe auch schon mal die Nacht im Stall. Und morgens, wenn man sich dem Stall nähert, dann verströmt dieser einen intensiven Duft nach Schaf, nach Wärme, nach Stall. Einfach herrlich! – ist meine Meinung, beziehungsweise die meiner Nase. Keine Ahnung, weshalb das so ist, denn weder bin ich auf einem Bauernhof aufgewachsen, noch empfinde ich jede Güllegrube als Hort des Wohlgeruchs. Ich bin mir auch sicher, dass viele Menschen diesen intensiven Geruch nach Schaf überhaupt nicht mögen. Aber das geht uns ja mit Gerüchen im Allgemeinen so. Klar ist sich die große Mehrheit der Bevölkerung einig, dass es in einer Kläranlage oder der Pathologie stinkt oder dass ein Rosengarten in voller Blüte duftet. Aber dazwischen gibt es viele, ganz individuelle, Geruchsvorlieben. Nicht umsonst heißt es, dass man jemanden nicht oder auch besonders gut riechen kann.

Die Nase ist ein unterschätztes Sinnesorgan, dem Auge und Ohr gern mal den Rang ablaufen. Dabei kann man viel leichter über „Fehler hinwegsehen“ oder „Bemerkungen hinweghören“, als über unangenehme Gerüche „hinwegriechen“.

Und woher kommen unsere Vorlieben, unsere Abneigungen? Hier kommt das Gedächtnis ins Spiel, fließen Lebenserfahrungen und der soziokulturelle Hintergrund ein. Gern ist dabei natürlich auch ganz ungefragt das Unterbewusstsein zur Stelle. So löst ein bestimmter Geruch bei uns oft eine ganz bestimmte Erinnerung aus – gut oder schlecht. Wir können uns nicht dagegen wehren, werden hilflos an der Nase herumgeführt. Mal lassen wir uns nur zu gern (ver-)führen und ein anderes Mal würden wir am liebsten eine Nasenklammer parat haben, um bestimmte Gerüche und die damit verbundenen Erinnerungen erst gar nicht inhalieren zu müssen. Wie gut, wer in solchen Momenten gerade einen tüchtigen Schnupfen hat.

Was aber sagt mir meine Vorliebe für den beschriebenen „Schafsgeruch“, dieses Gefühl von Geborgenheit, Entspannung und Glück, das sich regelmäßig zwischen Mölschow und Trassenheide in mir ausbreitet? Zum einen, dass ich dort so oft wie möglich vorbeifahren muss. Und dann hatte ich im Dezember an einem kalten Morgen noch eine weitere Idee: Vielleicht waren meine Urururahnen Hirten? Vor 2000 Jahren! In Betlehem! An der Krippe! Ja, so muss es gewesen sein. Diese Erklärung gefällt mir und die lasse ich mir auch von keinem Ahnenforscher oder „Geruchsdeuter“ zerstören.

Und Sie? Bleiben Sie aufmerksam und folgen Sie im neuen Jahr das ein oder andere Mal einfach nicht ihrem Verstand, sondern Ihrer Nase! Und wenn Sie die nach Zinnowitz und St. Otto führt, dann hatten Sie den richtigen Riecher!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

Übrigens: Ich freue mich über Ihre Anregungen oder auch Kritik zu meiner Kolumne unter rektor@st-otto-zinnowitz.de

Schafherde 1                                                                            

    St. Otto, Dezember 2019

 „Mit dem Wind“...

 … waren Sie auch zeitweise unterwegs, Maria und Josef auf ihrem Weg nach Betlehem. Aber ein Spaziergang war das damals bestimmt nicht, Wind hin oder her. Wie haben wir es dagegen heute gut, obwohl das Jammern über den Termindruck in der Adventszeit, die viel zu kurzen Tage, den kratzenden Hals und das Wetter oft einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Wir wissen, wo wir nach einem anstrengenden Tag ankommen. Die heimische Couch weißt uns nicht die Tür, wenn wir unser müdes Haupt und den Rest des Körpers auf ihr betten. Mag sein, dass der Platz manchmal knapp wird, wenn die ganze Familie über die Weihnachtstage einfällt, aber irgendwie ist es gerade in der Advents- und Weihnachtszeit doch auch schön, nicht allein, sondern mit vielen lieben Menschen zusammen zu sein.

Da hatten es Maria und Josef nicht ganz so gut. Keine Herberge wollte sie aufnehmen und auch im Stall waren sie zunächst überhaupt nicht willkommen. Die Tiere hatten sich nämlich auf einen geruhsamen Abend in trauter Zweisamkeit eingestellt. Das wissen Sie nicht? Sicher liegt das daran, dass die Berichte der Evangelisten doch so manche Lücke aufweisen. Aber ungefähr so müssen wir uns die Reaktion von Ochs und Esel vorstellen, als Maria und Josef den Stall betraten: „Mist“, schimpfte der Esel, „jetzt ist es vorbei mit der himmlischen Ruhe!“ „Bullshit!“, brummte der tiefenentspannte Ochse. „Die sehen müde aus. Und schau, die Frau hat sich kugelrund gefuttert. Die legen sich bestimmt gleich aufs Ohr.“

Wie die Geschichte weiterging wissen wir dann allerdings aufgrund der dezidierten Beschreibung in den unterschiedlichen Evangelien. Die schlimmsten Befürchtungen des Esels wurden übertroffen! Nicht nur, dass ein Baby in seine Futterkrippe gelegt wurde und sich dort im duftenden Stroh herumwälzte. Mit der Geburt des Jesuskindes ging das Chaos in dem kleinen Stall so richtig los. Erst kam ein Haufen Hirten flotten Fußes unter lautem Rufen und Jubilieren übers Feld in den warmen Stall, dann dröhnte der Halleluja-Gesang der Engel immer wieder durch die Nacht und der helle Weihnachtsstern erstickte jeden Versuch im Keim, in dieser Nacht auch nur ein Mützchen Schlaf zu bekommen. Auch in den folgenden Tagen riss der Besucherstrom nicht ab. Nachbarn, Fremde, die Könige: Im Stall ging es zu, wie im Taubenschlag!

Aber berichtet irgendeine Quelle darüber, dass Ochse und Esel entnervt waren? Gibt es Hinweise darauf, dass der Esel für seine langen Ohren lärmabsorbierende Kopfhörer beantragte oder der Ochse wegen Störung der Nachtruhe Anzeige bei der Polizei erstattete? Fehlanzeige! Harmonie pur, trotz der heterogenen Gesellschaft auf engstem Raum.

Vielleicht sollten wir daran denken, wenn in den Weihnachtsgottesdiensten wieder zahlreiche „Weihnachtschristen“ unsere Kirchen besuchen. Viele kommen jährlich nur zu diesem einen Gottesdienst in die Kirche. Eingetragene Gemeindemitglieder ebenso wie Ungetaufte, Menschen, die man vom Sehen kennt und Gäste. Für sie alle gehört an Weihnachten der Gottesdienstbesuch dazu. Und anstatt uns darüber zu ärgern, dass vielleicht kein Sitzplatz mehr frei ist, die seltenen Besucher das „Vater Unser“ nicht kennen, der Orgel applaudieren und bei der Kommunion den Glutengehalt der Hostie hinterfragen oder gar das Knien als Dehnübung betrachten, sollten wir uns freuen. Freuen, dass „der Stall“ voll ist, freuen, dass so viele Menschen sich zur Feier der Geburt Jesu mit uns versammelt haben!

Und im neuen Jahr, wenn wir in unseren Kirchen wieder viel zu viele leere Plätze um uns herum haben, dann erinnern wir uns gern daran zurück, wie gemütlich und schön es war, an Weihnachten bei uns „im Stall“.

Ich wünsche Ihnen, auch im Namen aller Mitarbeitenden hier in St. Otto, einen besinnlichen Advent, für die Weihnachtszeit einen warmen, kuschligen Platz im heimischen und auch im kirchlichen „Stall“ sowie eine gehörige Portion Rückenwind für all das, was Sie sich für das neue Jahr vorgenommen haben!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

 See

                              St. Otto, November 2019

 „Mit dem Wind“...

… und gerade im November mal übers Laufen schreiben? Kann man machen, meine ich, denn über den Lauf des Lebens und das, was danach kommt, denken wir besondern in den ersten Tagen dieses Monats immer wieder nach.

Am 7. September fand in diesem Jahr der 40. Usedom Marathon statt. 42,195 km zu Fuß über die Insel. Ein Zeitlimit gibt es auch noch, sodass Bummeln nicht angesagt ist; Hügel und ebene Strecken wechseln sich ab, mal läuft man auf Asphalt, mal auf sandigem Waldboden und wenn man Glück hat, dann spürt man den Wind im Rücken und den warmen Sonnenschein nicht allzu häufig im Gesicht, denn das vergrößert die Anstrengung noch.

Menschen mit ganz unterschiedlichen Zielen nehmen an dieser Veranstaltung teil. Gut trainierte Sportler, die um den Sieg kämpfen, Hobbyläufer, die ihre persönliche Bestzeit knacken wollen, aber auch Läufer, für die das Ankommen im Ziel in Wolgast schon eine riesige Herausforderung darstellt. So unterschiedlich wie die Ziele der Läuferinnen und Läufer sind, so individuell ist auch die Vorbereitung jedes Teilnehmenden. Da gibt es diejenigen, die sich nach einem festen Trainingsplan über Monate gezielt auf diesen Tag vorbereitet haben oder die „Dauerläufer“, die bei mehreren Marathons im Monat unterwegs sind. Es gibt aber auch die Spaßläufer, die mit minimaler Vorbereitung meinen, dass ihr großes Ego oder ein gütiges Schicksal sie schon erfolgreich über die Ziellinie tragen wird und dann natürlich die Greehörner, die aufgeregt ihrem ersten und vielleicht einzigen Marathon entgegenfiebern. Schließlich stehen auch noch die am Start, die genau wissen, dass sie, aufgrund von Trainigsrückstand, Krankheit oder Verletzung im Vorfeld, keine realistische Chance haben, das Rennen erfolgreich zu absolvieren.

Sie alle starten am selben Ort, zur identischen Zeit auf der gleichen Strecke. Mit ganz unterschiedlichen Vorausetzungen und Ambitionen streben sie dem Ziel entgegen, das wenige nach 2:40 Stunden, manche erst nach fünf Stunden und einige nie erreichen werden. Sie alle aber werden Phasen während des Rennens haben, in es „gut läuft“ und solche, in denen Zweifel am erfolgreichen Bewältigen der Strecke aufkommen. Das gilt ausnahmslos für alle – Profis wie Anfänger. Manch einer merkt im Verlaufdes Rennens, dass die Schmerzen immer größer werden und die Anstrengung für den Körper an diesem Tag einfach nicht zu bewältigen ist. Andere quälen sich, aufgemuntert und angefeuert durch die Zuschauer, bis sie schließlich das Ziel erreichen. Und wieder andere haben ihren „großen Tag“, an dem Vieles gut gelingt und der Zieleinlauf die Belohnung darstellt.

Stellen Sie sich doch einmal an eine solche Marathonstrecke – es muss nicht auf Usedom sein – und schauen Sie in die Gesichter der Läuferinnen und Läufer! Einige sind hochkonzentriert (im Tunnel), andere sehen extrem verbissen aus (und sind es?), wieder andere humpeln mit schmerzverzerrtem Gesicht und offensichtlich letzter Kraft auf der Flucht vor dem „Besenwagen“ vorbei.

Es gibt aber auch die, die lächeln, sich freuen, auf Ihr Zuwinken reagieren, die Hände, die ihnen von den Kindern entgegengestreckt werden, abklatschen. Poser? Sportler, die ihr Potential nicht richtig ausnutzen, denen der notwendige Ernst und Respekt vor der Aufgabe abgeht und die sinnlos eine bessere Endzeit verschenken? Mitnichten! Schmerzen weglächeln hilft, positive soziale Interaktion stärkt und mit jeder Kinderhand, die man berührt, erhält man einen winzigen Kraftschub. Viele Hände, viel Kraft – und manchmal kommt man nur deshalb ins Ziel.

Es gibt sie tatsächlich, die oft bschriebenen Analogien zwischen der Betrachtung des Lebensweges und einem Marathonlauf: Auch wir starten alle mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen ins Leben, und während der eine scheinbar problemlos durch sein Leben tanzt, geben sich beim anderen Krankheiten, Schicksalsschläge und persönlich Katastrophen die Klinke in die Hand. Zumindest sieht es von außen betrachtet so aus. Leicht macht sich da auch mal Neid oder Missgunst breit, wenn man sieht, wie andere das Leben scheinbar mühelos, erfolgreich und glücklich bewältigen, während man selbst sich abrackert, müht und plagt und doch auf keinen grünen Zweig kommt, nicht die gebührende Wertschätzung und Achtung erfährt und gefühlt immer auf der Schattenseite des Lebens steht.

Gern wird dabei ignoriert, dass der scheinbar so Erfolgreiche sich diesen Erfolg, sein offensichtliches persönliches Glück, oft hart erarbeitet hat. Nicht jedem, der mit einem Lächeln auf den Lippen und ansteckender Fröhlichkeit durch sein Leben joggt, geht oder ging es deshalb immer gut. Vielleicht zeichnet solche Menschen ein überdurchschnittliches Maß an Genügsamkeit, an Zufriedenheit und eine realistische Erwartungshaltung an das, was das Leben so bereithält aus. Oft sind aber gerade auch die Nackenschläge, die Zusammenbrüche der eigenen Lebensplanung, die Ursache für einen entspannteren Umgang mit sich und den anderen. Die Korrektur der persönlichen, verbissen verfolgten Zielsetzung, die Reduzierung der Erwartungen an sich selbst, lassen Freiräume entstehen, in denen sich ein Lächeln auf den Lippen ausbreiten kann.

Bei einem meiner letzten Berlin Marathons war ich auf einem guten Weg, endlich, endlich meine persönliche Bestzeit unter 4 Stunden zu drücken. Wenige Kilometer vor dem Ziel stolperte der Läufer vor mir und blieb liegen. Ich lief noch einige Meter weiter, dachte an meine Bestzeit, stoppte und lief zurück. Gemeinsam mit zwei weiteren Läufern warteten wir bei dem völlig erschöpften Mann, bis die Sanitäter und damit die medizinische Versorgung vor Ort waren. Dann ging es weiter. Zumindest für uns. Der Zieleinlauf nach 4:07 war mindestens sieben Minuten zu spät, aber nur selten war ich nach einem Marathon so glücklich.

Jeder Tag ist ein Geschenk Gottes. Lassen wir uns nicht von unseren engstirnigen Planungen fesseln, von Problemen und Schicksalsschlägen niederdrücken, sondern die Freiheit erkennen und ergreifen, immer wieder aufs Neue die schönen Facetten des Leben entdecken zu dürfen.

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

Brckenhub 3

                                                                                              St. Otto, Oktober 2019

 „Mit dem Wind“...

 … spielt manchmal überhaupt keine Rolle. Zum Beispiel, wenn man im berüchtigten „Brückenstau“ auf dem Weg zur oder von der Insel steht. Jeder kennt ihn und versucht die 5-6 Öffnungszeiten der Peenebrück zwischen 5:45 Uhr und 23:45 Uhr im Blick zu haben, wenn er sich Usedom nähert oder sich auf den Heimweg macht. Das gilt für Urlauber wie auch für Einheimische. Zwar sollte man meinen, die Anwohner hätten die Zeiten verinnerlicht, würden per eingebauter innerer Uhr oder aufgrund besonderer Gene den Brückenhub ganz automatisch umgehen – aber weit gefehlt! Irgendwann erwischt es wirklich jeden, der die Brücke häufiger überquert. Manchmal völlig unverschuldet, weil der Voranfahrende während der letzten Kilometer vor der Brücke beim Blick auf die Vielfalt der Natur die Tachonadel aus dem Auge verloren und den Fuß neben das Gaspedal gestellt hat. Manchmal, weil das Kofferpacken doch wieder länger gedauert hat, das Handy verlegt wurde oder die Armbanduhr (ja es gibt tatsächlich noch Menschen, die so etwas tragen) leider noch immer auf Sommerzeit stand. Und dann sieht man schon aus der Ferne die geöffneten Brückenteile aufragen. Stillstand!

Ganz selten steht man als erster in der Schlange, wenn die Ampel urplötzlich auf rot springt und sich die Schranken vor der Brücke senken. Ärger darüber, dass man es gerade nicht mehr geschafft hat? Eine Möglichkeit. Oder Freude darüber, dass man das Schauspiel des Brückenhubs aus der ersten Reihe bestaunen kann? Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich, situations- und mentalitäsbedingt. Fest steht nur, dass die Versuchung, über die sich langsam öffnende Brücke im „Evil-Knievel-Stile“ zu fliegen, besser unterdrückt werden sollte.

Ich gebe zu: Wenn ich unterwegs feststelle, dass es knapp werden könnte, mit dem Brückenhub, dann versuche ich meinen Fahrstil anzupassen – sprich dem drohenden Schicksal der Zwangspause durch eine Tempoverschärfung zu entgehen. Aber lohnt sich das? Für die Radarmessgeräte am Rand der Trasse sicher, aber sonst? Nein, kann ich nach diversen unfreiwilligen Stopps vor der Brücke eindeutig feststellen.

Die Poolposition ist fantastisch, wenn man direkt vor der Brücke steht, sieht wie die Technik arbeitet und den Booten, die durch die geöffnete Straße schippern, hinterherträumen kann. Neben dem Auto, die Arme auf die geöffnete Tür gestützt oder gemütlich zurückgelehnt mit einem Stück Schokolade auf der Zunge. Aber auch weiter hinten im Rückstau hat die Situation ihren Reiz. Es ist plötzlich vollkommen still, denn die meisten Autofahrer stellen vorschriftsmäßig tatsächlich den Motor ab. Viele steigen aus, man nickt sich zu, grüßt, kommt in ein kurzes Gespräch oder schweigt einfach gemeinsam im sicheren Wissen, dass es in spätestens 20 Minuten wieder losgeht. Denn länger dauert der Brückenhub nur selten.

Im letzten Stau ist mir aber noch ein anderer Gedanke gekommen: Durch die Öffnung der Brücke steht für einen kurzen Zeitraum alles Bewegen still. Für manche Menschen ein fast unerträglicher Zustand – und auch nur der erste, allerdings nicht ganz korrekte Eindruck. Während wir zum Stillstand, zur Zwangspause genötigt werden, bewegt sich etwas an einer ganz anderen Stelle: Die Brücke hebt und senkt sich – ganz ohne unser Zutun, ohne dass wir Einfluss nehmen können, ohne dass wir nach unseren Bedürfnissen gefragt werden. Vielleicht sollten wir auch in unserem Leben darauf vertrauen, dass ein gefühlter Stillstand, eine „Es-geht-nicht-weiter-Situation“ nur ein subjektiver Eindruck ist. Darauf vertrauen, dass Gott, der sicher weiß, weshalb wir hier auf dieser Erde gerade im gefühlten persönlichen Stau stehen, an einer ganz anderen Stelle arbeitet. Für uns, für unsere Mitmenschen, für seine Schöpfung – an unserem ganz persönlichen Brückenhub!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

                       St. Otto, September 2019

 „Mit dem Wind“...

…, über den Wind und auch so über „dit und dat“ erzählt man sich an den Stammtischen der Küste zahlreiche Schauermärchen, Geschichten und Döntjes:

Im kleinen Dorf Zauselitz auf der schönen Insel Usedom liegt die Kneipe „Zum Freundlichen Otto“. Es ist nicht das einzige Lokal im Ort, aber der Besitzer, eben jener freundliche Otto, hat es geschafft, dass sich bei ihm der Stammtisch des Dorfes angesiedelt hat. Darauf ist er auch ordentlich stolz.

An vier Abenden in der Woche treffen sich die wichtigen Männer des Ortes nach getaner Arbeit auf ein oder mehrere Bier und vielleicht auch den ein oder anderen Schnaps im „Freundlichen Otto“. Hier kann man in vertrauter Runde plauschen. Man kennt die anderen, deren Ansichten, weiß alles über Familie, Haus und Hof und erinnert sich gern an die gemeinsame Schulzeit. Und auch wenn man sich ab und an in die Wolle kriegt: Pack schlägt sich und Pack verträgt sich auch wieder.

Am Stammtisch werden alle wichtigen Themen des Dorfes besprochen und hier wird auch nicht selten „große“ Politik gemacht. Frauen gibt es am Stammtisch keine. Nicht aus Prinzip, aber was bitte könnten die zu Themen wie Fußball, Angeln, Frauen oder Dorfpolitik Sinnvolles beitragen? Nichts! Und eben deshalb ist der Stammtisch eine richtige Männerrunde.

Auf den großen runden Tisch in der Ecke hat Otto ein Schild gestellt. STAMMTISCH steht da in dicken, roten Buchstaben und RESERVIERT. Auch an den drei Wochentagen, an denen sich die Stammtischrunde nicht trifft, steht das Schild dort. Und jeder fremde Gast, der sich dem leeren Tisch nähert, wird von Otto darauf hingewiesen, dass er sich an diesen besonderen Tisch nicht setzen darf. Das kommt nicht immer gut an. Besonders, wenn das Lokal im Sommer brechend voll und der einzig freie Tisch eben jener Stammtisch ist. Aber das Gemecker der Gäste ist Otto egal. Es könnte ja ein Stammtischler mal außer der Reihe kommen und für solche Fälle muss der Tisch frei bleiben. „So is dat nu mal!“ Schließlich verspricht der Stammtisch kontinuierliche, saisonunabhängige Einnahmen. Außerdem ist Otto so immer bestens informiert, wer, was, wo, mit wem – und überhaupt.

Damit die Stammtischler sich wohlfühlen, hat Otto ihnen auch eine separate Toilette eingerichtet. Das Schild an der Tür ist nicht zu übersehen. Schließlich sollen die Jungs beim Toilettengang nicht unnötig in der Schlange stehen. Manchmal, wenn es sehr voll war, hat Otto den Schlüssel schon mal an andere Gäste vergeben. Aber das hat sich nicht bewährt. Zu viele Sitzpinkler, die die Toilette blockiert haben.

Auch seinen Aushilfen schärft Otto immer ein, den Stammtisch ganz besonders im Blick zu haben und den Männern dort jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Das ist allerdings nicht schwer: Bier, Korn und wenn Hinnerk Harms mit am Tisch sitzt jede halbe Stunde einen Whisky aus der Flasche mit dem roten Etikett. Aber Service ist alles und die Stammtischler sollen sich ja wohlfühlen.

Manchmal werden auch fremde Gäste an den Stammtisch eingeladen. Meist sind das die Neuen im Dorf. Die will man kennenlernen. Ist ja nicht so, dass der Stammtisch in Zauselitz nicht weltoffen und ausgesprochen neugierig wäre. Meist bleibt es aber bei einer Einladung. Nur der neue Doktor durfte ein paar Mal wiederkommen. Aber als man festgestellt hatte, dass der auf Naturarznei abfährt, ungefragt Ernährungstipps gibt und nach einem Bier auf Orangensaft umsteigt, da war leider kein Stuhl mehr für ihn frei.

Die Welt in Zauselitz und in der Kneipe „Zum Freundlichen Otto“ ist noch in Ordnung. Morgen ist wieder Aaltag am Stammtisch, wie jeden Freitag. Eigentlich herrlich, so viel beschauliche Gemeinschaft und Berechenbarkeit…

Nach einem Jahr in St. Otto habe ich viele wundervolle Erfahrungen machen, zahlreiche tolle und bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Jeder Tag brachte Neues und die Freundlichkeit, mit der mir so viele Mitarbeitende und Gäste begegnet sind, war und ist gut fürs Herz und Gemüt.

Gerade deshalb ist es mir allerdings wichtig, heute die Geschichte vom Stammtisch in Zauselitz zu erzählen. Neben vielen, vielen Menschen, die den Zusatz „Begegnungsstätte“ im Namen unseres Hauses ernst nehmen, offen sind für Neues, Begegnung suchen und finden habe ich in diesem Jahr doch auch einige „Stammtischgruppen“ erleben müssen. Oft ist es den Gruppen gar nicht bewusst, dass sie durch ihren festen Zusammenhalt andere ausgrenzen. Manchmal wird das ausgeprägte Gruppenselbstbewusstsein aber auch deutlich ausgelebt. Platzhirschgehabe, eine „Das-haben-wir-hier-schon-immer-so-gemacht-Mentalität“, das Feiern der eigenen Stärke durch die Abgrenzung vom Fremden und Andersartigen haben so rein gar nichts mit christlicher Gemeinschaft und dem Charakter einer Begegnungsstätte zu tun.

Ich freue mich über jeden Gast, der sich im Laufe des Jahres in St. Otto so wohlgefühlt hat, dass er wiederkommt. Stammgäste sind mir lieb und das Wiedersehn oft eine große Freude. Antiquierte Stammtische allerdings, die in meinen Augen nichts mit dem modernen, weltoffenen Glauben einer zukunftsorientierten katholischen Kirche gemein haben, werden wir in St. Otto in Zukunft ab- oder umbauen. Nicht reservieren, sondern integrieren. Nicht ausgrenzen, sondern grenzenlose Offenheit! Was spricht gegen die große, gemeinsame Tafel? Ist es nicht viel interessanter, mit anderen ins Gespräch zu kommen, als im eigenen Gelee festzukleben?

Helfen Sie durch Begegnungsfreude, Neugier und Integrationsbereitschaft mit, dass sich St. Otto nicht etwa zum Reservat für kleine Gruppen von Stammtischlern entwickelt, sondern offen ist und bleibt für Gott und die Welt!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

    Unter Wasser 2                   

            St. Otto, August 2019

 „Mit dem Wind“...

… kräuselt sich die Oberfläche der Ostsee. Mal mehr und mal weniger. Aber was befindet sich eigentlich darunter? Sand, Algen, Muscheln, kleine und große Fische und nicht zu vergessen die Quallen. Dazu noch Öl, tief unter dem Meeresgrund, und jede Menge Schrott aus tausenden von Jahren Menschheitsgeschichte. Während der Schrott der vergangenen Jahrhunderte mühsam geborgen und in Museen ausgestellt wird, will den aktuellen keiner haben. Ist auch nicht wirklich schön, was da so herumdümpelt: Rostige Schiffswracks, Plastikmüll, Altöltonnen, Munition, verrottete Container oder zerrissene Fischernetze und, und, und. Es gibt so ziemlich nichts auf der Welt, was sich nicht auch auf dem Meeresboden finden lässt. Ist ja auch praktisch: Rein mit dem Müll ins Meer, Welle drüber und das Problem der Entsorgung ist scheinbar bestens gelöst.

Und selbst auf den zweiten Blick sieht alles noch gut aus. Fährt man mit der Tauchgondel an der Seebrücke von Zinnowitz nach unten, sieht man nämlich vor allem - nichts. Das ist zum einen schade, denn so eine Fahrt kostet Geld und als unbedarfter Tourist hofft man zumindest auf ein lustiges Fischetreiben rund um die abgesenkte Tauchgondel. Zum anderen kann man aber vielleicht ganz froh sein, dass durch das algenreiche, sand- und naturtrübe Ostseewasser gerade im Sommer und Herbst so wenig zu erkennen ist.

Um mehr Durchblick und Einsicht in den Bereich unter der Meeresoberfläche zu bekommen, braucht man schon eine Tauchausrüstung, eine lichtstarke Lampe oder gleich einen verkabelten Tauchrobotter mit eingebauter Kamera. Und auch dann erhält man nur einen ersten Eindruck. Was da im Sand und Schlamm versunken lauert oder vielleicht unsichtbar im Wasser aufgelöst ist – optisch und ohne weitere Analysen lässt sich dazu wenig sagen. Fest steht, es macht Arbeit und kostet viel Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Vielleicht doch lieber an der Oberfläche bleiben? Die unterschiedlichen Farbschattierungen des Meeres bewundern, dem sanften Plätschern der Wellen lauschen und den treibenden Seevögeln beim Chillen zuschauen? Manchmal – gerade auch im Urlaub – bestimmt richtig, denn das Meer ist wunderschön! Die ganzen Medienberichte vergessen und einfach entspannen, genießen und mal nicht darüber nachdenken, was unter der schönen Oberfläche alles lauern könnte.

Geht uns mit unseren Mitmenschen übrigens oft genauso. Da gibt es die Fassade. Das, was die Menschen nach außen dringen lassen. Und in der Regel sind wir ganz zufrieden mit dem, was uns da angeboten wird: Schön, glatt, scheinbar stimmig und völlig unproblematisch. Die Oberfläche eben. Das mag für flüchtige Begegnungen völlig ausreichen. Eine Urlaubsbekanntschaft, die Kollegin aus der Filiale oder auch den netten Bäcker, bei dem man jeden Samstag seine Brötchen kauft. Ein freundliches „Wie geht´s?“, oder ein lustiges Gespräch von Sandburg zu Sandburg machen einen netten zu einem richtig guten Tag.

Will man allerdings jemanden näher kennenlernen, ihn vielleicht sogar verstehen, dann kommt man an der Oberfläche nicht weiter. Allein das Verb „kennenlernen“ deutet die Grundproblematik an. Es ist ein Lernprozess und der dauert. Man kann die Tauchgondel verwenden oder auch den Schnorchel, die gute Lampe oder auch das U-Boot. Sorgfältig und achtsam muss man sein, um niemanden zu verletzen. Und Grenzen akzeptieren ist notwendig – die des anderen und auch die eigenen. Ein höchst komplexer Forschungsauftrag also, der uns, sobald wir ihn annehmen, eine große Verantwortung überträgt. Vielleicht begnügen wir uns deshalb so oft mit der Fassade? Haben wir einfach Angst davor, was eventuell unter der Oberfläche des anderen schlummern könnte? Vermuten wir verborgene Munitionsdepots, rostige Uraltwracks und Altöltonnen? Die mag es geben. Aber durch unsere Angst verpassen wir vielleicht unzählige wundervolle, schillernde Fischschwäme, bunte Korallen und skurrille Meeresbewohner. Wollen wir das? Ich nicht! Und deshalb habe ich mir für diesen Sommer mehr Mut verordnet, den Menschen auf den Grund zu gehen. Und Sie?

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

 Sturm Text

                        St. Otto, Juli 2019

 „Mit dem Wind“...

… ab in die Ostsee! Der eine vorsichtig, nur mit den Füßen, während sich die andere auch schon bei 13°C Wassertemperatur mit dem Kopf voran in die Wellen stürzt. Und da ist tatsächlich etwas dran. Ohne Wind und Wellen ist das Wasser viiieeel kälter! Wissenschaftlich betrachtet wahrscheinlich nicht ganz korrekt, aber wen interessiert schon die Ansicht der Naturwissenschaftler, wenn das eigene Empfinden etwas ganz anderes sagt? Probieren Sie es ruhig mal aus. Bei kühler Witterung und stürmischer Brandung fällt es viel leichter, in die ohnehin nie besonders kuschlige Ostsee zu springen, als bei Sonnenschein, Windstille und (fast) tropischen Temperaturen am Strand.

Aber warum ist das eigentlich so? Nun, zunächst muss man nicht über jeden Zentimeter selbst entscheiden, den das kühle Wasser über Bauchnabelhöhe – denn ab da wird es richtig kalt – nach oben kriecht. „Schwapp“, macht die nächste Welle und das restliche Stück bis zum Hals ist ganz ohne große Überwindung und eigenes Zutun geschafft. Höchstens noch Zeit für einen spitzen Schrei bis die nächste Welle über dem Kopf zusammenschlägt.

Das ging doch viel schneller als geplant! Und ist noch nicht vorbei!! Welle auf Welle rollt heran und sorgt dafür, dass das zwischenzeitliche Luftschnappen zunehmend in den Fokus gerät. Aber da ist noch das Problem mit der Badehose, die im Freibad immer da saß, wo sie hingehört. Wo hängt die denn plötzlich? Festhalten, luftholen, hochziehen, wieder nach Luft schnappen. Oder das Bikinioberteil?! Vielleicht gibt es einen Grund, warum die meisten Damen heute einen Badeanzug tragen? Und wo ist eigentlich der Strand? Autsch! Weshalb habe ich plötzlich diese Zehe im Auge? Oh, Entschuldigung, ich wollte Ihnen meinen Ellenbogen nicht in den Magen drücken – das kam nur durch die große Welle!

Ganz schön was los im Wasser, wenn die Wellen mal nicht nur wiegen, sondern ordentlich brausen. Da wird auch der entspannte Badegast schnell einmal zum Einzelkämpfer, der sich vorkommt wie Jona, bevor der Wal ihn verschluckte. Den Wal gibt es in der Ostsee zum Glück nicht, aber dafür die, die am Strand zurückgeblieben sind, eingemummelt in eine Decke und mit interessiertem Blick für das Schauspiel, das sich ihnen da gerade gratis bietet.

„Na, war das Wasser so kalt, wie es aussieht?“, wird der aus der Brandung torkelnde tapfere Recke freundlich angesprochen. „Kalt – wieso kalt? Ich hatte ganz andere Probleme und ich habe überlebt!“, könnte die Antwort lauten. Abgekämpft, erschöpft, ein bisschen stolz – und vielleicht auch glücklich. Der Sommer-Sonne-Badewannenwetter-Urlauber wird diese Erfahrung nie machen. Und das ist eigentlich schade.

Sicher gibt es Wetterlagen, gibt es persönliche Umstände oder Krankheiten bei denen der „Sprung ins kalte Wasser“, die Auseinandersetzung mit dem Element „Meer“ in Bestform vermieden werden sollte. Viel zu oft aber lehnen wir uns in unserer Komfortzone zurück, kuscheln wir uns in die warme Decke, warten wir auf schöneres Wetter oder bessere Zeiten und verpassen dabei etwas ganz Wichtiges: das Leben!

Als bekennender Warmduscher wünsche ich Ihnen den Mut zum Experiment – und einen herrlichen Sommer.

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

Briefkasten

St. Otto, Juni 2019

„Mit dem Wind“...

… geht die mobile Datenübertragung auf Usedom auch nicht schneller. Wäre manchmal nicht schlecht, wenn die sommerlich überlasteten Handynetze, der darbende Breitbandausbau oder die wackelige WLAN-Verbindung durch eine kräftige Windböe einen ordentlichen Push erhalten würden. Manch einem geht das alles viel zu langsam, was die digitale Kommunikation von und mit der Insel betrifft. Im Geschäftsbetrieb kann man das ja verstehen, aber im Urlaub? Vielleicht bauen die Telekom und ihre Mitbewerber ja ganz bewusst auf Entschleunigung? Und ganz abgeschnitten sind wir ja sogar im Hinterland der Insel nicht…

Die Kirchstraße, Sie erinnern sich an den Beitrag zu Ostern?, führt in die weite Welt hinaus. Und an diesem Hotspot im Ortsteil Netzelkow finden sich tatsächlich noch zwei weitere wesentliche Kommunikationsträger nach draußen. Der Briefkasten trägt die Patina seiner langen Tätigkeit mit Würde und noch funktioniert die tägliche Leerung. Ich weiß nicht, wie oft er tatsächlich eine Postsendung beherbergt, aber theoretisch kann er Montag bis Samstag starten, der Brief nach München, nach Sydney, nach Jukagir in Sibirien und in die ganze restliche Welt.

Zu noch mehr Unabhängigkeit verhilft dem Mitteilungsbedürftigen der kleine graue Kasten mit der dicken Schicht aus Moos und Flechten, der in einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zu unserem Postkasten steht. Hier laufen die Kabel für Telekommunikation und Internet des Dorfes zusammen. Und von hier erreichen Sie sogar innerhalb weniger Sekunden die ganze Welt. Vorausgesetzt, es liegt keine Störung vor und Sie haben sich rechtzeitig einen der raren Anschlüsse gesichert! Die sind nämlich inzwischen aufgebraucht.

Straße, Brief, Telefon, Internet - vier Wege hinaus in die Welt. Nicht immer barrierefrei, nicht immer ganz unproblematisch, nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik und trotzdem: Vier Möglichkeiten, Mitmenschen zu kontaktieren, sich auszutauschen und mitzuteilen, Informationen zu empfangen oder zu senden. Und da sind wir dann direkt beim Pfingstfest. Was hätten die Apostel abgefeiert, wenn ihnen diese Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten! Johannes als Webmaster betreut den Internetauftritt, Jakobus organisiert die Telefonhotline, Paulus schickt seine Briefe ganz einfach als Postwurfsendung und Petrus macht sich mit einem LKW voll mit Flyern und Infomaterial auf den Weg.

Erstaunlich eigentlich, dass sich das Christentum ohne all diese modernen Hilfsmittel verbreitet hat. Für uns, die wir ständig nach neuen Kommunikationsmöglichkeiten suchen, die wir oft verzweifeln, weil das, was technisch möglich wäre, mal gerade nicht funktioniert oder zur Verfügung steht, völlig unverständlich. Ein Wunder? Nun gut, es hat etwas gedauert mit der Verbreitung des Christentums. In manchen Ecken der Erde ist es nach gut 2000 Jahren noch immer nicht so recht angekommen. Ist ja auch eine ziemlich komplexe Botschaft, die da hinter den beiden Grundlagen der Gottes- und der Nächstenliebe steht. Vielleicht reicht dafür ein Flyer nicht aus, ein Brief oder ein Infopaket? Ja wahrscheinlich sprengt die Botschaft sogar jede Datenbank! Ich bin sicher: Das Christentum wächst nur durch die Menschen, die es leben, prägen und gestalten. Lassen Sie uns also Multiplikatoren sein, mal altmodisch im Gespräch, mal unter Zuhilfenahme der modernen Medien, aber immer authentisch und überzeugend!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

PS: Wer jetzt immer noch über das Tempo und die mangelhafte Medienpräsenz im Urlaub auf Usedom schimpft, dem sei gesagt: Die Ortung per GPS und GLOSSNAS funktioniert auf der Insel bestens. Wer Sie da möglicherweise bei aktivierter Handyortung immer im Blick hat, das wollen Sie, das wollen wir gar nicht wissen! Der aber, auf den es für uns als Christen ankommt, der schafft das mit dem Blick übrigens auch ohne Technik!

  Beine

 St. Otto, Mai 2019

 „Mit dem Wind“...

… oder gegen den Wind. Das hängt an der Küste, wie auch im Binnenland meist von der Richtung ab, in die man sich fortbewegen will oder muss. Zugegeben, an der Küste und besonders am Strand spürt man den Wind von vorn oder hinten deutlicher, was zum einen an der Windstärke, zum anderen aber auch an der doch relativ ebenen Landschaft liegt.

Kann ich einfach die Richtung wechseln, wenn mir der Wind zu stark ins Gesicht bläst? Klar, kann ich das machen, aber dann werde ich mein Ziel in den seltensten Fällen erreichen. Einmal um die Erde, immer mit dem Wind im Rücken: Hört sich toll an, funktioniert so aber aus vielerlei Gründen nicht. Wie wäre es aber, wenn ich mich einfach nur umdrehe, rückwärts gegen den Wind ankämpfe und die rote Nase sich im Windschatten erholen kann? Nun gut, schnell bin ich dann nicht unterwegs und von Zeit zu Zeit lohnt sich ein Blick über die Schulter, um nicht im Wasser zu landen oder rückwärts in den nächsten Strandkorb zu fallen. Mühsam, aber eine Möglichkeit. Kleine Kinder und ältere Menschen wählen oft diesen Weg. Die einen spielerisch unbekümmert, die anderen lebensklug und erfahren.

Oft haben wir in unserem Alltag keine Möglichkeit, einen anderen Weg, eine andere Richtung einzuschlagen. Ziele werden von anderen gesetzt, das Leben schreibt die Richtung vor, persönliches oder gesellschaftliches Eingebundensein legen den Weg fest und definieren das Ziel. Und nicht selten versucht man uns auch vorzuschreiben, wie dieser Weg gemeistert werden soll: Nase in den Gegenwind, die tränenden Augen zusammenkneifen und immer voran, weil man das so macht. „Das haben alle anderen immer schon so gemacht!“ „Augen zu und durch!“ „Du weißt aber schon, was du jetzt zu tun hast!“ Wer kennt diese Sprüche nicht – und wie wenig hilfreich sind sie in der Regel!

Rückwärts, auf einem Bein, im Seitgalopp oder auch – gut trainiert – auf den Händen. Im Trippelschritt, im Sprint, in Schlangenlinien oder mit vielen Pausen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich in die richtige Richtung zu bewegen. Und ich weigere mich zu akzeptieren, dass es nur den einen Weg zum Ziel geben soll. Wie wäre das Leben langweilig, einseitig und uninspiriert!

Lassen Sie uns gemeinsam durchs Leben hüpfen, hopsen, krabbeln oder auf Händen laufen! Jeder wie und so gut er kann und am besten zusammen mit anderen. Denn im Windschatten eines Mitstreiters bezwingen wir jeden Gegenwind.

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

Kirchweg

St. Otto, Ostern 2019

„Mit dem Wind“...

... in den christlichsten Ort der Insel. Da ist Ostern doch genau der richtige Anlass!
Nun gut, mit den Christen in Vorpommern ist das so eine Sache. Einige gibt es tatsächlich noch, andere haben einfach vergessen, dass sie irgendwann einmal getauf wurden und wieder andere halten Ostern für das Hochfest des Eierversteckens zu Ehren des großen Osterhasen.

Anders in Netzelkow. Wer hier wohnt hat einen ganz konkreten Bezug zur Kirche. Jeder der geschätzt 45 Einwohner! Unglaublich, denn eine solche 100%-Quote dürfte höchstens noch der Vatikan vorweisen können. Na ja, das bedeutet nicht gleich, dass der Anteil der getauften Christen hier höher ist als anderswo im Land. Aber trotzdem: Die Weichen sind gestellt, der Weg ist bereitet.

Fährt man, aus Neuendorf kommend, über die wunderschöne Allee in das Dorf Netzelkow hinein, dann landet man unweigerlich direkt vor der Marienkirche. Vom Ortseingang bis zur Kirche benutzt man dazu die Kirchstraße. Nichts Besonderes: In vielen Ortschaften liegt die Kirche in der Kirchstraße, das Rathaus in der Rathausstraße und der Bahnhof in der Bahnhofstraße. In Netzelkow führt die Kirchstraße allerdings direkt auf die Marienkirche zu. Gäbe es nicht das enge Tor in der Steinmauer, die die Kirche umgibt, – Eilige könnten direkt bis zum Altar vorfahren.

Aber auch wer den zivilisierteren und weniger unfallträchtigen Zugang zur Kirche sucht kommt an der Kirchstraße nicht vorbei. Diese teilt sich direkt vor der Kirche. Rechts Kirchstraße, links Kirchstraße, im Rücken die Kirchstraße und im Blick die Marienkirche. Es gibt in ganz Netzelkow nur eine Straße. Sie ahnen es sicher? Die Kirchstraße! Und das Schöne daran ist, dass Straßen immer in zwei Richtungen führen. Es gibt stets einen Hin- und einen Rückweg. Man kann also die Kirchstraße auch in die Gegenrichtung benutzen und nach dem Gottesdienst die Osterbotschaft hinaus, über die Insel und im Urlaubsgepäck bis nach Hause tragen. Alles auf dem Kirchweg. Schön, oder?
Das hört sich jetzt nach Pfingsten an, werden die im Glauben geschulten Leser anmerken. Fast richtig, sage ich. Warten Sie den Beitrag im Juni ab, denn wie Pfingsten ohne Ostern undenkbar ist, so bleibt der Schlusspunkt dieser Betrachtung dem „Pfingstbeitrag“ vorbehalten.
Bis dahin wünsche ich Ihnen viele Mitfeiernde, die den Weg über die (Kirch)-Straßen dieser Welt in Ihre Kirche finden, die mit Ihnen zusammen die Auferstehung unseres Herrn feiern und das Strahlen im Gesicht tragen, dass die Sonne seit einigen Tagen auch hier auf Usedom an den Himmel zaubert.

Gesegnete Ostern!

Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

Frhling 1 

St. Otto, April 2019

„Mit dem Wind“...

... werden in den Wochen vor Ostern die ersten Erholungssuchenden der Saison an die Strände der Insel gespült. Pioniere und tapfere Recken, die sich von letzten Frühlingsstürmen, wenig frühlingshaften Temperaturen und dem ein oder anderen Graupelschauer nicht abschrecken lassen. Gleich Frühblühern recken sie ihre roten Nasen in den noch kühlen Wind: Eltern mit kleinen Kindern, dick eingemummelte Senioren, Paare ohne schulpflichtige Kinder oder auch ruhesuchende Individualisten, die am Strand verwundert feststellen, dass sie zu dieser Jahreszeit in Herden auftreten.
Die Insel erwacht aus ihrem Winterschlummer und die Sonntasgöffnungszeit der Supermärkte deutet an, dass bei schönem Wetter am Wochenende auch die Stausaison nicht mehr fern ist.

Die Reaktionen der Insulaner auf dieses alljährlich wiederkehrende Phänomen sind durchaus unterschiedlich. „Augen zu und durch“, lautet die Devise bei einigen. Andere betrachten die saisonalen Urlauberfluten wie die ägyptischen Bauern das jährliche Nilhochwasser: Muss man mit leben, will man überleben! Denn was wäre die Insel ohne die Finanzquelle Tourismus?

Oft sind solche abschätzig wirkenden Äußerungen aber nur coole, norddeutsche Maskerade. Stau, volle Läden, Stress, Lärm – natürlich gibt es zahlreiche gute Gründe, die Saison als Einheimischer nicht unbedingt zu lieben.
Aber ist es nicht schön, endlich mal wieder ein paar andere Gesichter zu sehen? Wirkt die Promenade, geschmückt mit vielen bunten Urlaubertupfern, nicht viel ansprechender, als im tristen, öden Grau der Wintermonate? Und wer genauer hinschaut, also hinter die Fassade, der spürt bei vielen Insulanern dieses Kribbeln, eine leichte Nervosität – ja vielleicht doch so etwas wie Vorfreude? Fast wie die Erwartung, mit der wir jedes Jahr auf Weihnachten zusteuern. Auch da ist man immer wieder aufs Neue aufgeregt, gespannt, neugierig und weiß doch gleichzeitig, dass Weihnachten bei aller Vorfreude wieder eine Menge Stress und Arbeit mit sich bringen wird.

Und wie man sich um Weihnachten herum auf die Spezialitäten freut, die nur zu dieser Jahreszeit richtig schmecken, so erfreut man sich hier klammheimlich an den ganz speziellen Urlaubern aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands. Alle mit ihren mentaltätsbedingten und regional geprägten Eigenarten und Persönlichkeitsmerkmalen. Es ist schon ein bunter Zoo, der sich alljährlich auf der Insel tummelt!

Ja und schließlich gibt es da noch die Alten, die bei all dem bunten und manchmal auch hektischen Treiben ihre Ruhe nie verlieren. „Ob dat pladdert, de Sünn schient oder snejt – de Dag de kummt un de Dag de geiht!“
Sicher können Sie diese alte Bauernweisheit, die sich auf den April bezieht, übersetzen, und dann liegt die Entscheidung ganz bei Ihnen: Schneien Sie bei uns rein, verhageln Sie uns den Sommer oder tragen Sie die Sonne im Herzen und im Gepäck nach Usedom? Wir sind gespannt!

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor 

 

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St. Otto, März 2019

„Mit dem Wind“...

... hört man auf dem Gnitz zwischen Neuendorf, Lütow und Netzelkow immer mal wieder ein leises Quietschen. Einige der Erdölpumpen, die dort seit mehr als 50 Jahren in Betrieb sind, arbeiten auch heute noch. Und wo Kolben und Zylinder am Werk sind, wo Stahl und Eisen aneinander reiben, da bleiben Geräusche nicht aus. „Pferdeköpfe“ heißen die nickenden Pumpen im Volksmund. Gemächlich fördern die „Letzen ihrer Art“ nur noch eine sehr geringe Ölmenge aus ca. 2300m Tiefe an die Erdoberfläche und wirtschaftlich ist der Abbau bestimmt auch nicht mehr. Aus diesem Grund ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis auch die letzten noch aktiven Pumpen, wie die meisten ihrer Artgenossen, stillgelegt werden und zukünftig ein eher unspektakuläres Dasein als Industriedenkmal fristen dürfen.

„Gut so!“, wird man sagen, wenn man den Umweltaspekt im Blick hat. Erdöl ist wie Kohle ein Energielieferant, der bei der Nutzung jede Menge schädliche Emissionen in die Umwelt abgibt. Die intensive Ausbeutung irreversibler, fossiler Rohstoffe ist im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß. Windkraft oder Photovoltaik erzeugen saubere Energie. Die Elektromobilität ist, wenn auch noch holprig, auf dem Vormarsch. Also stilllegen, die Pumpen – und das besser heute als morgen!

Kann man da anderer Meinung sein? Wohl kaum. Umweltaspekte, Ineffizienz, Wartungsaufwand und Ertrag sprechen dagegen, solche Dinosaurier am Leben zu erhalten. Und doch würde ich dieses leise Schaben und Quietschen, die Bewegung in der ansonsten eintönigen, fast statischen Landschaft am Achterwasser vermissen. Rational ist das nicht. Nostalgisch vielleicht? Sicher, aber nicht nur! Diese Erdölpumpen können auch beispielhaft für die vielen Dinge, die wir ausrangieren, abbauen, ersetzen – sprichwörtlich „zum alten Eisen werfen“ stehen. Vielfach absolut berechtigt und doch zuweilen vorschnell oder unnötig.

Und nicht nur mit den Gegenständen, die uns umgeben, sind wir mitunter wenig nachsichtig. Es fällt auf, dass unsere Erwerbsgesellschaft mit älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zunehmend ganz ähnlich verfährt. Mühsam werden sie und ihre scheinbaren Marotten und Verschleißerscheinungen auf den letzten Metern bis zum Ruhestand ertragen. Ein Aufatmen geht durch den Betrieb, wenn endlich der Renteneintrittstermin feststeht, und die Dankbarkeit für viele Dienst- und Arbeitsjahre bei der Verabschiedung gerät vielfach zur peinlichen Pflichtübung.

Erst wenn sie eine Weile weg sind wird oft bemerkt, dass „die Alten“ da und dort fehlen. Ihre altmodische, vielleicht ineffiziente aber nachhaltige Arbeitsweise, ihre Erfahrung, die doch immer nur dem Fortschritt im Wege stand, ihre zugewandte und verständnisvolle Art – ihr leises „Quietschen“, mit dem sie all die Jahre ihre Arbeit zuverlässig erledigt haben.

Wir neigen dazu, Menschen und auch Dinge oft erst posthum wirklich wertzuschätzen. Dann werden Gedenktafeln aufgehängt, Straßennamen vergeben oder Museen bestückt. Ein wenig mehr von diesen „Nachschlagslorbeeren“ im Hier und Jetzt würde uns allen guttun und den notwendigen Fortschritt mit Sicherheit nicht aufhalten.

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

Februar Achterwasser 1
 

St. Otto, Februar 2019

„Mit dem Wind“...

... verschlägt es im Laufe des Jahres eine bunte Gästeschar nach St. Otto. Im Februar bekommt man beim „Klick“ auf den Belegungsplan schon einen guten Überblick, was bzw. wer da in diesem Jahr auf einen zukommt. Natürlich sind wir in erster Linie eine Anlaufstelle für christliche Gruppen, Gemeinden und Schulen. Ob Sommerfahrt, Seniorenreisen oder auch Einzelreisende und Familien mit konfessionellem Hintergrund – die Möglichkeit in St. Otto nicht nur einen schönen Urlaub zu verbringen, sondern den lieben Gott auch im Urlaub mit an Bord zu haben ist ein Plus, das viele an St. Otto schätzen. Ob im Handgepäck mitgebracht oder doch im Stress des Alltags und des Aufbruchs zu Hause vergessen: Wer mag, findet in St. Otto immer eine Möglichkeit und hoffentlich auch die Zeit, ihm zu begegnen, ihn mit-, wahr- und aufzunehmen.

Die Kirchenglocke, die zum gemeinsamen Mittagsgebet in den Speiseraum ruft. Die kleine Kapelle, die eine Geborgenheit schenkt, die man in vielen großen Kirchen nicht unbedingt sofort findet. Der Raum der Stille, zu dem man bis ganz unters Dach hinaufsteigen muss, um dann zwischen Himmel und Erde zu schweben. Und in der Mitte die Kirche, die immer offen steht. Denn der liebe Gott kennt keinen Feierabend oder Geschäftsschluss.

Es gibt viele Kirchen, die nur ab und an als Gottesdienstort genutzt werden und es gibt Kirchen, in denen man spürt, dass sie vom Gebet getragen werden, die Begegnung mit Gott dort kein Augenblick, kein Wimpernschlag ist, sondern eine feste, grundlegende und –gebende Verbindung darstellt. Dass St. Otto ein solcher Ort ist, das verdanken wir zu einem großen Teil unseren Franziskanerschwestern, die durch ihr Gebet und ihre pflegende Umsicht die Kirche tragen und prägen.

Da kommen aber auch noch „die Anderen“ nach St. Otto, die, die mit Kirche erst einmal gar nichts am Hut haben. Polizei und Bundeswehr, Krankenhäuser und Sportvereine, staatliche Schulen, Firmen, Musikensembles oder Wandervereine. Auch für Veranstaltungen wie runde Geburtstage oder Jugendweihe-Feiern wird gern bei uns gebucht. Und da fragt man sich schon: Was wollen die eigentlich hier? Oder: Wollen wir die überhaupt und wie passen die zu uns? Solche Fragen tauchen immer mal wieder in unserer Hausrunde auf und sind nicht unberechtigt. Schließlich geht es bei der Auswahl unserer Gäste auch immer um das Miteinander hier auf dem Gelände.

Im Grunde steht dahinter doch die Frage nach Öffnung, die sich katholische Institutionen immer wieder stellen müssen. Bediene ich nur meine Glaubensschwestern und –brüder, oder lasse ich auch Anders- und Nichtgläubige teilhaben? Schotte ich mich ab oder gehe ich auf andere zu? Für Jesus war das nie eine Frage! Information, Kooperation, Partizipation, Inklusion, Kommunikation – alles Begriffe, die so nicht in den Evangelien vorkommen und doch drücken sie das aus, was Jesus gepredigt und gelebt hat. Insofern ist die Frage der Auswahl auch ganz einfach zu beantworten: Wer uns wählt und die Hemmschwelle, eine „christliche Location“ zu buchen überwindet, der ist uns selbstverständlich willkommen.

Über die katholischen Militärseelsorger oder die RKW freuen wie uns genauso wie über den muslimischen Mädchenchor, der an Silvester hier war. Das Priesterjubiläum kann ebenso bei uns gefeiert werden, wie die Jugendweihe. Damit das gut zusammengeht, dafür sind wir da, dafür müssen wir Sorge tragen – und das tun wir.

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

Achterwasser

St. Otto, im Januar 2019

„Mit dem Wind“...

... war er mal wieder unterwegs, der Moment. Es gibt ihn, den richtigen Moment am falschen Platz, und in der letzten Woche bin ich ihm mal wieder begegnet. Das passiert in der Regel ungeplant und leider viel zu selten. Dieses Mal war es am 3. Januar, morgens im Dunkeln auf den Rad. Böen mit Windstärke 10 – natürlich von vorn –, die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt und dann war er plötzlich da: Der Hagelschauer! Auf freier Strecke! Der Moment!

Während an normalen Tagen die Gedanken auf dem Rad meist schneller unterwegs sind als die Pedale, dabei anstehende Aufgaben vorsortiert werden oder der gestrige Tag noch einmal Revue passiert, Probleme gewälzt oder bestenfalls weggestrampelt werden, lässt der Moment für solcherlei Nebensächlichkeiten keinen Raum. Der Hagel, der Sturm, die Dunkelheit – die Reduktion auf das „Hier und Jetzt“ erfolgt ganz automatisch. Die ersten Impulse „Mist!“, „Sch… wo stelle ich mich bloß unter?!“ blitzen vielleicht noch auf. Aber dann sind da nur noch die Nadelstiche der Hagelkörner, die verschwimmende Sicht durch die ohnehin beschlagene Radbrille, das Kurshalten in der nächsten Bö und eben – der Moment. Allein mit sich und der tobenden, unwirtlichen Natur und doch geborgen im Selbst. Abgeschirmt von allen Gedanken, die sich im Alltag so schwer bändigen, kontrollieren oder auch nur mal ausschalten lassen.

Ich brauche solche Momente. Immer mal wieder. Und ich bin der Natur dankbar dafür, dass sie gratis und ungefragt mit dem aushilft, was ich mit all meiner Planung und meinen Versuchen, Phasen der inneren Einkehr, des zu sich selbst und ganz bei sich Seins zu finden, nicht schaffe.

Manche vertreten die irrige Ansicht, dass Alkohol oder diverse Drogen ein probates Mittel seien. Zugedröhnt hat man aber definitiv keine Chance mehr, den Moment zu spüren. Abgesehen davon, dass der sich spätestens mit den Kopfschmerzen am nächsten Tag oder anderen Begleiterscheinungen solcher Exzesse verflüchtigt.

Andere gehen zum Yoga, nehmen an Exerzitien teil, finden diese Momente im Gebet. St. Otto bietet dafür zahlreiche Zeiten und geprägte Räume. Und trotzdem. Ich brauche diese unkontrollierbaren Naturphänomene für meine ganz persönlichen Momente. Zugegeben: Der Ort und die äußeren Umstände könnten komfortabler sein. Aber jeder dieser Momente ist es Wert, die Komfortzone für eine Weile zu verlassen!

Ich wünsche Ihnen Gelegenheiten für solche Momente, die Kontemplation ihnen nachzuspüren und die Kraft, und Lebensfreude, die sie schenken! Und vielleicht treffen wir uns irgendwann, morgens um kurz nach 7 im Sturm und bei strömendem Regen auf dem Weg zwischen Netzelkow und St. Otto. Dann gilt: Nicht ansprechen (man versteht ohnehin nichts), denn vielleicht ist das gerade wieder einer dieser ganz besonderen Momente

Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

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            St. Otto, Weihnachten 2018

„Mit dem Wind“...

... hört sich ganz eindeutig an. Ist es aber nicht! Sicher, am Strand weht die steife Brise aus Nordost alles in eine Richtung und man ist froh, wenn der eigene Weg nicht zufällig in die Gegenrichtung führt. Aber schon in den Dünen und erst recht in den Häuserschluchten einer Großstadt hat die Windrichtung oft wenig mit der Wettervorhersage zu tun. Windwirbel, Luftlöcher oder Wind, der sich zwischen Gebäuden fängt und statt von hinten, wie versprochen, unerwartet von der Seite oder gar von vorn bläst. Wir kennen das alle.

Das geht uns in der Vorweihnachtszeit oft nicht anders. Eigentlich ist die Richtung klar, das Ziel haben wir alle vor Augen und trotzdem wirbelt es uns mitunter kräftig durcheinander: Tanne oder Kiefer, Kartoffelsalat oder Braten, die Farbe des Geschenkpapiers oder überhaupt Papier, dieses Jahr lila Kugeln an den Weihnachtsbaum oder doch wieder ausschließlich Strohsterne, Baum mit Ballen oder gefällt, die Krippe unter den Baum oder auf den Tisch davor, und, und, und… .

Nun ist es ja prinzipiell schön, so viele Möglichkeiten zu haben, aber hat man die wirklich? Was für den einen unabdingbar zu Weihnachten gehört, ist für den anderen ein „No-Go“. „Falls wieder das umweltschädliche Lametta am Baum hängt, dann kannst du gleich alleine feiern!“ „Josef muss links neben der Krippe stehen, das ist biblisch belegt!“ „Wenn du den ganzen Tag das Weihnachtsoratorium laufen lässt, kannst du mich für die Weihnachtsvorbereitungen streichen! Das Gedudel hält doch der stärkste Weihnachtsmann nicht aus!“ „Weihnachtsmann?? Welcher Weihnachtsmann!!“

Die Richtung? Weihnachten! Die Geburt Jesu! Ist doch klar! Aber da raschelt es, da wirbelt es, da rumpelt es und ehe man sichs versieht, ist der Kampf mit den scheinbaren Schwierigkeiten, den unterschiedlichen Ansichten, den ach so wichtigen Nebensächlichkeiten in den Mittelpunkt des Weihnachtsgeschehens gerückt. Platz für die Krippe? Aber nur, wenn der Josef links steht!

Im Übrigen ist das nicht nur an Weihnachten so. Wo zwei oder drei versammelt sind, gemeinsam leben, arbeiten oder auch beten, da sind Meinungsverschiedenheiten die Regel – und das ist zunächst einmal nicht schlecht. 

Das trifft natürlich auch auf uns hier in St. Otto zu. Jeden Tag müssen zahlreiche Entscheidungen getroffen werden. Da wird schon mal jemand vergessen, der eigentlich miteinbezogen werden sollte. Da prallen Meinungen und Ansichten aufeinander, wie immer, wenn sich Menschen engagieren. Einheitsbrei wollen wir nicht. Beliebigkeit statt Engagement kann sich niemand wünschen. Aber Augenmaß für die wichtigen Dinge und die Bereitschaft, die Relevanz der eigenen Ansichten zu hinterfragen hilft manchmal, den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken. 

Eine frohe, gnadenreiche Weihnachtszeit mit dem guten Blick für das Wesentliche und liebende Großzügigkeit bei den kleinen Nebensächlichkeiten, die oft viel zu großen Raum in unserem Leben einnehmen wünscht

Herzlichst                                                                         
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

         St. Otto im Advent 2018

„Mit dem Wind“...

... ist ein Licht erwacht. So ein Unsinn, sollte man denken. Der Wind pustet das Licht eher aus, wenn es sich um eine Kerze handelt oder sorgt dafür, dass das Windlicht gefährlich schaukelnd das zarte Flämmchen schützen muss. Aber trotzdem: Wenn der Wind nicht an dem ein oder anderen Tag den Nebel und die Wolken beiseite schieben würde, dann hätte die Sonne in diesen Wochen überhaupt keine Chance sich sehen zu lassen.

Wunderschön, so ein Sonnenaufgang an einem kalten, stürmischen Wintertag im Advent! Während die Sonne im Sommer längst unterwegs ist, bis das Klingeln des Weckers auch uns auf die Reise durch den Tag schickt, haben wir es im Dezember viel leichter, dieses Wettrennen für uns zu entscheiden. Zugegeben – das warme Bett verlockt zum Liegenbleiben und die Aussicht, sich gleich auf den kalten, dunklen Weg zur Arbeit zu machen, motiviert auch nicht besonders. Aber spätestens, wenn man auf dem Rad oder im Auto sitzend sieht, wie sich der Horizont rötlich färbt und sich schließlich die Sonne scheinbar mühevoll, langsam aber trotzdem strahlend auf ihren Weg begibt, dann ist der Augenblick zum Innehalten, zum Staunen, zum Genießen gekommen. Ein Licht ist im Advent erwacht.

Wann sonst im Jahr nehmen wir uns die Zeit, die Sonne so intensiv und freudig zu begrüßen? In der Regel ist sie einfach da. Aber in der dunklen Jahreszeit hat sie ihren großen Auftritt, nicht dann, wenn sie am hellsten und kräftigsten leuchtet, sondern in einer Zeit, in der wir für jeden Tag dankbar sind, der sich vom trüben Winterwetter abhebt.

Vielleicht ist das genau so gewollt? Da rückt einer das Wesentliche in den Mittelpunkt, das Alltägliche gewinnt an Wert, an Bedeutung. Nicht umsonst warten wir im Dezember sehnsüchtig darauf, dass die Tage wieder länger werden, die Sonne sich nicht mehr ganz so rar macht. Mit zahlreichen Lichterketten, Strahlern, Kerzen und Lampen versuchen wir sie in der dunklen Jahreszeit zu ersetzen und merken - an das Original kommen wir nicht ansatzweise heran.

Manchmal reicht ein Sonnenstrahl am Morgen, um den ganzen Tag in ein anders Licht zu tauchen. Nehmen wir doch die dunkle Jahreszeit als Chance, genau diesen Sonnenstrahl viel öfter bewusst wahrzunehmen.

Besinnen auf das Wesentliche, Zeit nehmen, das Licht erkennen - Advent. Das klappt mit etwas gutem Willen und einer gehörigen Portion Ignoranz gegenüber all dem Vorweihnachtstrubel in der Stadt wie hier auf Usedom. Nur wollen muss man schon. Und die Hektik dann und wann bewusst hinter sich lassen. Und das, ja das fällt dann auf der Insel, hier in St. Otto im Dezember, wohl tatsächlich leichter.

Herzlichst                                                                         
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

 

                                                                         St. Otto im November 2018

„Mit dem Wind“...

... und durch den Herbstnebel. In diesem Jahr haben wir die Terrassenmöbel tatsächlich erst Mitte Oktober in den Winterschlaf geschickt. Das schöne Spätherbstwetter hat bis dahin immer wieder mutige Gäste zum Verweilen vor unserem Speiseraum verlockt. Erstaunlich eigentlich, wie bunt die Gästeschar zu dieser Jahreszeit ist. Fast wie die Vielfalt der Herbstblätterfarben mischen sich unter die Schulklassen und Familien zahlreiche Senioren, die die ruhigere Zeit auf der Insel genießen, Sportvereine im Trainingslager oder auch die Bundeswehr, die Seminare und Schulungen bei uns abhält. 

Doch jetzt ist er wohl endgültig vorbei, der goldene Teil des Herbstes. Die Zeitumstellung hat das Ihre dazu beigetragen, dass ab dem frühen Nachmittag eine Lichtquelle unerlässlich wird, entscheidet man sich nicht für die Bettdecke und den eigentlich fälligen Winterschlaf. 

Das mit der Lichtquelle ist im Übrigen gar nicht so einfach. Kerze oder LED, hell oder dunkel, direkt oder indirekt, warm oder kalt, energiesparend oder gemütlich: So vielfältig wie die Möglichkeiten Licht ins Dunkel zu bringen, so unterschiedlich die Meinungen darüber, wie das am besten zu bewerkstelligen sei. Da sind wir Menschen ganz eigen. Niemand würde zwar auf die Idee kommen, sein Fahrrad mit einer Laterne als Lichtquelle zu versehen oder das Candlelight-Dinner mit einer Flutlichtanlage auszuleuchten. Und dass der Zahnarzt bei seiner Behandlung möglichst nicht im Dunkeln tappen sollte, auch darin sind wir uns wohl einig. Aber schon bei der Ausleuchtung des Wohnzimmers, des Arbeitsplatzes, der Beleuchtung im Restaurant oder auch in der Kirche gehen die Meinungen weit auseinander. 

Neben sachlichen Argumenten spielt ganz einfach auch das persönliche Empfinden eine entscheidende Rolle. Wie viel Licht der Einzelne in einer bestimmten Situation für angebracht oder wünschenswert hält, ist keineswegs ausschließlich eine Frage des individuellen Sehvermögens. Deshalb lässt sich über die „richtige“ Ausleuchtung auch so wunderbar streiten.

Fest steht allerdings: Wir Menschen brauchen Licht! Gerade im Winterhalbjahr, wenn die Sonne manchmal über Tage hinter dicken Nebelwänden verschollen scheint, sind wir dabei auf die verschiedenen künstlichen Lichtquellen angewiesen. Wie schön, dass es die in so zahlreichen Variationen gibt!

Wie wichtig das Licht für uns ist, zeigen nicht zuletzt unsere zahlreichen Lichterfeste in der dunklen Jahreszeit. Wenn der Heilige Martin Licht in das Leben anderer bringt, dann ist das eine ganz besondere Form von Helligkeit und Wärme. Energieeffizienz in ihrer besten Ausformung.  

Lassen wir unser Licht leuchten und Licht-Quelle sein, für andere, gemeinsam, nicht nur in der dunklen Jahreszeit.  

Herzlichst                                                                         
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

 

St. Otto im Oktober 2018

„Mit dem Wind“…

… ziehen seit einigen Tagen auch wieder Regenwolken über die Insel. Es gibt sie tatsächlich noch! Mal rücken sie mit dicken Tropfen an und dann wieder mit nachhaltigem Nieselregen. Aussuchen kann man sich das nicht. Und nass wird man in jedem Fall. 

Viele Bauern hätten sich den Regen für ihr Getreide im Frühjahr und Sommer gewünscht, während die Winzer eine Rekordernte erwarten. Erntedank fällt da, abhängig vom Betrachter, sehr unterschiedlich aus. Dieser Sommer zeigt uns nachdrücklich, dass ertragreiche Landwirtschaft auch in unserer hochtechnisierten und auf Risikominimierung ausgerichteten Lebenswelt kein Selbstläufer ist. Es gehört Mut dazu, sich jedes Jahr erneut auf die Unberechenbarkeit von Wind und Wetter, von Regen und Sonne einzulassen, die eigene Existenz und die der Familie darauf aufzubauen. 

Eine gute Ernte ist auch heute keine Selbstverständlichkeit. Sie steht am Ende von viel schweißtreibender Arbeit – wenn das Wetter passt, die Schädlinge nicht überhandnehmen, die Maschinen funktionieren, genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, die eigene Gesundheit mitspielt und, und, und. Viele Faktoren liegen nicht in unserer Hand. Auch deshalb Erntedank.

Wir hier in St. Otto stehen nicht auf dem Feld und schweres Gerät kommt höchstens beim jährlichen Arbeitseinsatz des Freundeskreises auf unserem Gelände zum Einsatz. Wir halten keine dicken Kartoffeln, prächtigen Kürbisse oder prallen Reben als Ergebnis unserer Arbeit in den Händen. Und trotzdem sind wir ziemlich urlaubsreif am Ende einer langen Saison. Erntedank?

Arbeiten „wo andere Urlaub machen“, kann ganz schön anstrengend sein. Täglich alles daran zu setzen, damit der Urlaub für unsere Gäste eine wunderschöne, erholsame Zeit wird, kostet Kraft. Immer ein freundliches Wort, ein Lächeln, parat zu haben, auch wenn man persönlich gerade am liebsten laut schimpfen würde, ist manchmal nicht einfach.

Wenn Sie abreisen und sich an eine gute Zeit in St. Otto erinnern, vielleicht den einen oder anderen Energieschub in Ihren Alltag hinüberretten können, dann hat sich unser Einsatz gelohnt. Wenn es Ihnen gelingt, wie die Maus „Frederick“ im Buch von Leo Lionni, bis zum nächsten Urlaub hin und wieder an ihren positiven Erinnerungen zu „knabbern“, freuen wir uns.

Für uns in St. Otto sind Ihre vielen positiven Rückmeldungen, die netten Worte oder auch die freundlichen Blicke die „dicken Kartoffeln“, die Ernte, für unsere geleistete Arbeit. Erntedank eben!

Herzlichst                                                                         
Ihr
Markus Constantin
Rektor

 

                                                                                                         St. Otto im September 2018

 „Mit dem Wind“...

... ist man in der Regel besser unterwegs, als wenn eine kräftige Brise von vorn bläst.
Wer nicht aufpasst, den treibt der Wind aber auch schnell in eine ungeplante Richtung oder am Ziel vorbei.
In einem solchen Fall heißt es, umkehren, und der Rückweg kann dann so richtig anstrengend werden.

Auch kann man sich auf den Wind nicht verlassen.
Er wechselt die Richtung, weht mal aus Osten, dann wieder aus Norden oder Westen
und für manchen leidgeprüften Radfahrer einfach immer nur entgegen der Fahrtrichtung.
Dann heißt es, Zähne zusammenbeißen und schwitzen, oder sich auf die elektrische Trethilfe verlassen,
der die Windrichtung ganz gleichgültig ist.

Vielleicht ist aber der Gegenwind, der uns am raschen Fortkommen hindert, gar nicht so störend, wie wir oft meinen. Zwar sorgt er dafür, dass wir an Tempo verlieren, zum Verschnaufen auch mal absteigen müssen
oder zu spät zu einer Verabredung kommen,
aber jeder kennt auch das Gefühl, körperlich ordentlich gefordert aber wunderbar durchgepustet am Ziel anzukommen.
Mit Rückenwind wäre man sicher schneller, entspannter und vielleicht sogar pünktlich gewesen;
das Gefühl, etwas geschafft zu haben, hätte sich aber nicht im gleichen Maße eingestellt.

Vom Gegenwind können wir lernen, dass Widerstände nicht nur ärgerliche Störfaktoren sein müssen.
Ein Leben auf der Überholspur des Rückenwinds führt nicht selten dazu, dass wir manches verpassen
und vieles nicht intensiv genug wahrnehmen, denn – husch – ist man schon vorüber und vorbei.

Wenn es mir gelingt, den Ärger über den fiesen Gegenwind, der mich regelmäßig ausbremst, zu vergessen
und mich stattdessen über das langsame aber stetige Vorankämpfen – Tritt um Tritt, Schritt für Schritt – zu freuen,
es vielleicht sogar stolz zu genießen, dass ich mir jeden Meter hart erarbeite,
dann trägt auch der zunächst unliebsame Gegenwind dazu bei, meinen Tag zu einem erfüllten zu machen.

 

Liebe Freunde von St. Otto,

seit dem 1. September bin ich als neuer Rektor des Hauses für vieles verantwortlich.
Manche Aufgaben kenne ich schon, andere werden dazukommen.
Den wohligen Rückenwind habe ich schon gespürt, denn der Empfang war sehr herzlich.
Aber auch auf den „positiven Gegenwind“ freue ich mich!

In regelmäßigen Abständen werde ich versuchen, Sie unter der Überschrift „Mit dem Wind“... an Gedanken, Neuigkeiten oder auch dem Alltag in und rund um St. Otto teilhaben zu lassen.
Schauen Sie also bei Interesse gern ab und an mal wieder auf unserer Homepage vorbei.

Kommen Sie gut in den Herbst und genießen Sie die letzten Spätsommertage auf der Insel oder anderswo!
Und wenn Ihnen im Alltag der Wind mal wieder kräftig ins Gesicht bläst:
Tief durchatmen, runterschalten und mutig voran!


Herzlichst                                                                         
Ihr
Markus Constantin
Rektor

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